Die Decksaison ist in der Schafhaltung ein kritischer Zeitraum für die Fruchtbarkeit. Ernährungsstrategien in dieser Phase, insbesondere das sogenannte Flushing, können die Ovulationsrate und damit auch die Zwillingsrate deutlich erhöhen. Mit einer gezielten Fütterung lässt sich die Produktivität der Herde maximieren.
1. Bedeutung der Decksaison
1.1 Faktoren, die die Fruchtbarkeit beeinflussen
- Körperkondition der Mutterschafe
- Fütterungsniveau
- Rasse und Genetik
- Alter
- Saison und Photoperiode
- Qualität des Widders und Verhältnis Widder zu Schafen
- Gesundheitsstatus
1.2 Zielsetzungen
- Hohe Brunstquote
- Hohe Ovulationsrate
- Hohe Befruchtungsrate
- Geringer Embryonenverlust
- Optimale Zwillingsrate
2. Was ist Flushing?
2.1 Definition
Flushing ist eine intensive Fütterungsmaßnahme, die 2-3 Wochen vor dem Deckeinsatz beginnt und während der Deckperiode fortgeführt wird.
2.2 Wirkungen des Flushing
- Steigert die Ovulationsrate um 10-20 %
- Erhöht die Zwillingsrate
- Verbessert die Brunstsynchronisation
- Steigert die Befruchtungsrate
2.3 Wirkmechanismus des Flushing
- Mehr Energieaufnahme -> höherer Blutzucker
- Insulin und IGF-1 steigen an
- Die Ausschüttung von FSH und LH wird stimuliert
- Die Follikelentwicklung beschleunigt sich
- Die Anzahl der Ovulationen steigt
3. Praktische Umsetzung des Flushing
3.1 Zeitplanung
| Phase | Dauer | Maßnahme |
|---|---|---|
| Vor dem Flushing | 3-4 Wochen vor dem Deckeinsatz | BCS-Bewertung |
| Beginn des Flushing | 2-3 Wochen vor dem Deckeinsatz | Zusatzfütterung startet |
| Deckperiode | 3-5 Wochen | Flushing wird fortgeführt |
| Nach dem Deckeinsatz | 2-3 Wochen | Schrittweise Reduktion |
3.2 Flushing-Ration
- Zusätzlich zur bestehenden Ration täglich 250-500 g Kraftfutter pro Mutterschaf
- Oder 2-3 Stunden zusätzliche Beweidung pro Tag auf hochwertiger Weide
- Energieanstieg: 30-50 %
3.3 Zusammensetzung des Kraftfutters
| Futtermittel | Anteil (%) |
|---|---|
| Gerste | 50-60 |
| Mais | 20-30 |
| Kleie | 10-15 |
| Mineral-Vitamin-Mischung | 2-3 |
3.4 Wann Flushing besonders wirksam ist
- ✅ Mutterschafe mit mittlerer Kondition (BCS 2,5-3,0)
- ✅ Magere Mutterschafe (BCS <2,5)
- ❌ Begrenzter Effekt bei bereits sehr gut konditionierten Tieren (BCS >3,5)
4. Management der Körperkondition
4.1 Ziel-BCS
- Zu Beginn der Decksaison: BCS 3,0-3,5 (auf einer 5-Punkte-Skala)
- Magere Mutterschafe rechtzeitig in Kondition bringen
- Zu fette Tiere zeigen eine geringere Fruchtbarkeit
4.2 BCS-Bewertung
- Bewertung 6-8 Wochen vor dem Deckeinsatz
- Magere Tiere separieren und gezielt zufüttern
- Überkonditionierte Tiere restriktiver füttern
5. Fütterung der Widder
5.1 Vorbereitung vor der Decksaison
- Kontrolle der Körperkondition 6-8 Wochen vor dem Deckeinsatz
- Zielwert BCS 3,5-4,0
- Klauenpflege und Gesundheitskontrolle
- Untersuchung der Hoden
5.2 Fütterungsprogramm für Widder
| Phase | Tägliches Kraftfutter |
|---|---|
| Vor der Decksaison (6-8 Wochen) | 0,5-0,75 kg |
| Während der Decksaison | 0,75-1,0 kg |
| Nach der Decksaison | Schrittweise Reduktion |
5.3 Wichtige Nährstoffe in der Widderfütterung
- Energie: Für die Deckaktivität
- Protein: Für die Spermienproduktion
- Zink: Hodenfunktion und Spermienqualität
- Selen: Spermienmotilität
- Vitamin E: Reproduktionsfunktion
6. Mineral- und Vitaminsupplementierung
6.1 Kritische Mineralstoffe
| Mineralstoff | Funktion | Quelle |
|---|---|---|
| Selen | Reproduktion, Immunität | Premix, Injektion |
| Zink | Ovulation, Sperma | Premix |
| Jod | Schilddrüse, Reproduktion | Jodsalz |
| Phosphor | Energiestoffwechsel | Premix |
6.2 Vitaminergänzung
- Vitamin A: Reproduktionsepithel
- Vitamin E: Antioxidans, Reproduktion
- Vitamin D: Kalziumstoffwechsel
7. Verhältnis Widder zu Schafen
7.1 Empfohlene Verhältnisse
| Alter des Widders | Schafe pro Widder |
|---|---|
| Jungwidder (1-2 Jahre) | 15-25 |
| Erwachsen (2-5 Jahre) | 30-50 |
| Älter (>5 Jahre) | 20-30 |
7.2 Widderrotation
- Einsatz mehrerer Widder
- Ausreichende Ruhephasen für die Widder
- Verbessert die Befruchtungsrate
8. Management während der Deckperiode
8.1 Dauer der Deckperiode
- Optimal: 35-42 Tage (2 Brunstzyklen)
- Kurze Deckperiode: stärker synchronisierte Ablammungen
- Lange Deckperiode: höhere Gesamtträchtigkeitsrate
8.2 Worauf während der Deckperiode zu achten ist
- Stress minimieren
- Ausreichend Schatten und Wasser bereitstellen
- Gesundheit der Widder überwachen
- Mutterschafe aufmerksam beobachten
9. Strategien zur Verbesserung der Fruchtbarkeit
9.1 Nicht-ernährungsbedingte Faktoren
- Widdereffekt: Widder 2-3 Wochen vor der Decksaison von den Schafen trennen und anschließend wieder zusammenführen
- Lichtmanagement: Kürzere Tageslängen fördern die Brunst
- Melatonin-Implantate: Für die Zucht außerhalb der Saison
9.2 Genetische Selektion
- Linien mit hoher Zwillingsrate
- Rassen mit Booroola-Gen
10. Fütterung nach dem Deckeinsatz
10.1 Frühe Trächtigkeit (erste 30 Tage)
- Die Embryonenimplantation ist eine kritische Phase
- Abrupte Futterumstellungen vermeiden
- Stress minimieren
- Flushing schrittweise reduzieren
10.2 Vorbeugung von Embryonenverlusten
- Vor extremer Hitze oder Kälte schützen
- Transport und belastende Eingriffe vermeiden
- Von Toxinen fernhalten
- Ausreichende, aber nicht übermäßige Ernährung sicherstellen
11. Häufige Fehler
- ❌ Zu später Beginn des Flushing
- ❌ Flushing bei bereits überkonditionierten Mutterschafen
- ❌ Vernachlässigung der Widdervorbereitung
- ❌ Unzureichendes Verhältnis Widder zu Schafen
- ❌ Stress in der Deckperiode
- ❌ Abrupte Rationsumstellungen
- ❌ Mineralstoffmängel
Fazit
Die richtigen Ernährungsstrategien in der Decksaison können die Fruchtbarkeit einer Herde deutlich verbessern.
Grundprinzipien:
- BCS 6-8 Wochen vor dem Deckeinsatz bewerten
- Flushing bei Mutterschafen mit mittlerer Körperkondition einsetzen
- Auch die Widder vorbereiten
- Mineral- und Vitaminsupplementierung sicherstellen
- Stress während der Deckperiode minimieren
- Frühe Trächtigkeit sorgfältig managen
Literatur
Scaramuzzi, R. J., et al. (2006). Regulation of folliculogenesis and the determination of ovulation rate in ruminants. Reproduction, Fertility and Development, 18(2), 153-165.
Martin, G. B., et al. (2004). Nutritional and environmental effects on reproduction in small ruminants. Reproduction, Fertility and Development, 16(4), 491-501.