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Dieser Inhalt wurde von Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK auf Basis wissenschaftlicher Quellen erstellt.
Katzenernährung

Getreidefrei vs. getreidehaltig bei Katzenfutter: Mythen, DCM-Debatte und Naehrstofffakten

Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK 19 Januar 2026 68 Aufrufe

Ein wissenschaftlicher Leitfaden zu getreidefreiem und getreidehaltigem Katzenfutter mit Fokus auf Allergiemythen, Kohlenhydratqualitaet, Taurin, DCM und Etikettenbewertung.


In den letzten Jahren wurden getreidefreie Katzenfutter stark vermarktet. Viele Halter glauben deshalb, dass getreidefrei automatisch natuerlicher und gesuender sei. Die seit 2018 diskutierte FDA-Untersuchung zu DCM hat diese Annahme jedoch deutlich komplexer gemacht. Dieser Leitfaden fasst Mythen und wissenschaftliche Fakten zusammen.

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag fasst die aktuelle wissenschaftliche Literatur zusammen. Jede Katze hat individuelle Beduerfnisse. Groessere Futterumstellungen sollten mit dem Tierarzt abgestimmt werden.

1. Was ist getreidefreies Futter?

1.1 Definition

Getreidefreies Futter enthaelt keine klassischen Getreide wie Weizen, Mais, Reis, Gerste oder Hafer. Das bedeutet jedoch nicht, dass es kohlenhydratfrei ist.

1.2 Alternative Kohlenhydratquellen in getreidefreien Rezepturen

ZutatKohlenhydratanteilGlykaemischer Index
Kartoffel15-20 %Hoch
Suesskartoffel17-20 %Mittel bis hoch
Erbse14-15 %Niedrig
Linse20-25 %Niedrig
Kichererbse27-30 %Niedrig
Tapioka85-90 %Hoch
Kritischer Punkt: Viele getreidefreie Rezepturen koennen mehr Kohlenhydrate enthalten als getreidehaltige Produkte. Getreidefrei bedeutet nicht automatisch kohlenhydratarm.

2. Haeufige Mythen und wissenschaftliche Fakten

2.1 Mythos: “Katzen fressen in der Natur kein Getreide, also ist getreidefrei natuerlicher”

Realitaet: teilweise richtig, aber unvollstaendig.

Katzen sind obligate Karnivoren und das Naehrstoffprofil freilebender Katzen ist stark protein- und fettreich. Fuer kommerzielle Futtermittel ist jedoch nicht nur entscheidend, ob Getreide vorhanden ist.

  • Katzen koennen ueber den Magen-Darm-Inhalt ihrer Beutetiere auch pflanzliches Material aufnehmen
  • Hauskatzen leben seit Jahrtausenden mit Menschen zusammen und zeigen gewisse metabolische Anpassungen
  • Wichtiger sind Gesamtkohlenhydratmenge und Proteinqualitaet statt des Etiketts allein

2.2 Mythos: “Getreide verursacht Allergien bei Katzen”

Realitaet: Futtermittelallergien sind bei Katzen eher selten, und Getreide gehoert nicht zu den haeufigsten Ausloesern.

In Uebersichtsarbeiten werden tierische Proteine deutlich haeufiger als Ausloeser genannt als Getreidebestandteile.

AllergenBerichtete Haeufigkeit
Rind18 %
Fisch17 %
Huhn5 %
Weizen4 %
Mais3 %
Milchprodukte5 %

Damit sind tierische Proteine deutlich haeufiger beteiligt als Getreide.

2.3 Mythos: “Getreidefreie Produkte enthalten immer mehr Protein”

Realitaet: nicht unbedingt. Der Proteingehalt haengt von der Rezeptur ab.

Einige getreidefreie Produkte sind tatsaechlich proteinreicher, viele andere nutzen jedoch Kartoffeln oder Leguminosen, ohne die eigentliche Proteinqualitaet zu verbessern.

  • Anteil tierischen Proteins ist wichtiger als der Rohproteingehalt allein
  • Qualitaet der Proteinquelle inklusive Verdaulichkeit ist entscheidend
  • Aminosaeureversorgung wie Taurin und Arginin muss stimmen

2.4 Mythos: “Getreide macht Katzen dick”

Realitaet: Adipositas entsteht durch zu hohe Energieaufnahme, nicht durch Getreide allein.

Eine Katze nimmt mit getreidefreiem wie mit getreidehaltigem Futter zu, wenn die Kalorienzufuhr den Bedarf uebersteigt.

  • Gesamtkalorienmenge
  • Portionskontrolle
  • Aktivitaetsniveau

3. Die DCM-Diskussion: FDA-Untersuchung

3.1 Was ist DCM?

Die dilatative Kardiomyopathie ist eine schwere Herzerkrankung mit geschwaechtem Herzmuskel und vergroesserten Herzkammern. Sie wird deutlich haeufiger bei Hunden diskutiert, ist aber fuer die Einordnung von Futtermittelbehauptungen wichtig.

3.2 FDA-Warnung (2018-2019)

2018 startete die U.S. FDA eine Untersuchung zu einem moeglichen Zusammenhang zwischen bestimmten Diaeten und DCM. Im Fokus standen vor allem Rezepturen mit vielen Leguminosen und Kartoffeln.

  • Futter mit hohen Anteilen an Erbsen, Linsen oder Kartoffeln
  • Rezepturen, in denen diese Zutaten mehr als 30 % der Gesamtzusammensetzung ausmachen

3.3 Wissenschaftlicher Stand (Update 2024)

Aktuelle Evidenz

Was sicher bekannt ist:

  • Taurinmangel kann bei Katzen DCM ausloesen; das ist seit den 1980er Jahren bekannt
  • Gut formuliertes Katzenfutter sollte ausreichend Taurin liefern

Was weiter untersucht wird:

  • Ob Leguminosen den Taurinstoffwechsel oder die Bioverfuegbarkeit beeinflussen
  • Ob bestimmte Rezepturen die Herzgesundheit indirekt beeinflussen

Was nicht bewiesen ist:

  • Dass jedes getreidefreie Futter direkt DCM verursacht
  • Dass alle getreidefreien Rezepturen dasselbe Risiko tragen

Die FDA betonte spaeter, dass ein direkter Ursache-Wirkung-Zusammenhang bisher nicht abschliessend belegt wurde, die Fragestellung aber wissenschaftlich relevant bleibt.

3.4 Katzen vs. Hunde

Die DCM-Diskussion betrifft in erster Linie Hunde. Bei Katzen gilt:

  • DCM tritt seltener auf
  • Taurinphysiologie und Rezepturstandards unterscheiden sich
  • Die Mehrzahl der FDA-Fallberichte betraf Hunde

4. Vergleich von Kohlenhydratquellen

4.1 Getreide

GetreideVorteileNachteile
ReisLeicht verdaulich, geringes AllergierisikoHoher glykaemischer Index
HaferFaserquelle, langsamere EnergiefreisetzungEnthaelt glutenaehnliche Proteine
GersteNiedrigerer glykaemischer Index, BallaststoffeEnthaelt Gluten
MaisEnergiequelle, guenstigNiedrigere biologische Wertigkeit, teils Fuellstoffcharakter
WeizenEnergiequelleGluten und moegliche Allergenitaet

4.2 Getreidefreie Alternativen

ZutatVorteileNachteile
KartoffelGlutenfrei, EnergielieferantHoher glykaemischer Index, staerkelastig
SuesskartoffelVitamin A und BallaststoffeTrotzdem kohlenhydratreich
ErbseBallaststoffe und ProteinbeitragHauefig Teil der DCM-Debatte
LinseProtein, Faser, niedriger GIEbenfalls Teil der DCM-Debatte
KichererbseProtein und BallaststoffeHohe Kohlenhydratlast, kann zu Gasbildung beitragen

4.3 Was ist besser?

Kurz gesagt: es kommt darauf an.

Entscheidend sind nicht nur Getreide ja oder nein, sondern:

  1. Gesamtkohlenhydratanteil idealerweise unter 20 %
  2. Anteil tierischer Proteine als dominanter Rezepturbestandteil
  3. Qualitaet der zuerst gelisteten Zutaten
  4. Individuelle Vertraeglichkeit der Katze

5. Kriterien fuer die richtige Futterwahl

5.1 Checkliste unabhaengig vom Getreidestatus

Checkliste fuer hochwertige Produkte
  • Erste Zutat: klar benannte tierische Proteinquelle
  • Protein: mindestens 40 % auf Trockenmassebasis
  • Kohlenhydrate: berechnen und unter 25 % anstreben
  • Taurin: mindestens 0,1 % oder 1000 mg/kg
  • AAFCO/FEDIAF-Konformitaet: vollwertig und ausgewogen
  • Herstellerzuverlaessigkeit: Qualitaetskontrolle und Rueckrufhistorie
Warnzeichen
  • Unklare Begriffe wie „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse“
  • Getreide oder Kartoffeln unter den ersten drei Zutaten
  • Kuenstliche Farbstoffe oder Zuckerzusätze
  • Sehr hoher Kohlenhydratanteil ueber 35 %
  • Unbekannte oder schlecht dokumentierte Marken

5.2 Kohlenhydrate berechnen

Kohlenhydrate werden auf dem Etikett meist nicht direkt angegeben, lassen sich aber abschaetzen.

Formel: Kohlenhydrate = 100 - (Protein + Fett + Rohasche + Rohfaser + Feuchtigkeit)

Beispiel:

  • Protein 32 %, Fett 15 %, Asche 7 %, Faser 3 %, Feuchtigkeit 10 %
  • Kohlenhydrate = 100 - (32 + 15 + 7 + 3 + 10) = 33 %

6. Besondere Situationen

6.1 Wenn eine echte Getreideallergie vorliegt

Wenn eine echte Getreideallergie durch eine tierärztlich gefuehrte Eliminationsdiaet bestaetigt wurde:

  • Kann eine getreidefreie Diaet sinnvoll sein
  • Sollten moeglichst Rezepturen mit geringerer Leguminosenlast gewaehlt werden
  • Limited-Ingredient-Diaeten koennen hilfreich sein

6.2 Diabetische Katzen

Bei diabetischen Katzen ist die Kohlenhydratkontrolle deutlich wichtiger als die reine Getreidekennzeichnung.

  • Unabhaengig von grain-free sollte der Gesamtkohlenhydratanteil idealerweise unter 15 % liegen
  • Bevorzugt werden hohe Protein- und moderate Fettgehalte
  • Die Diaet gehoert in tierärztliche Kontrolle

6.3 Verdauungssensibilitaet

Manche Katzen reagieren empfindlicher auf bestimmte Getreide, nicht wegen einer Allergie, sondern wegen einer Intoleranz.

  • Reis wird meist am besten vertragen
  • Weizen und Mais koennen eher Probleme bereiten
  • Getreidefreie Alternativen koennen helfen, aber die Leguminosenlast muss weiter beachtet werden

7. Fazit und Empfehlungen

7.1 Kernbotschaften

Zusammenfassung:
  1. Getreidefrei bedeutet nicht automatisch gesuender
  2. Wichtiger sind Kohlenhydratlast und Proteinqualitaet
  3. Die DCM-Frage ist relevant, aber nicht fuer jede Rezeptur abschliessend belegt
  4. Jede Katze hat individuelle Beduerfnisse
  5. Marketingaussagen sollten nie die Naehrstoffbewertung ersetzen

7.2 Praktische Empfehlungen

  • Etiketten lesen: nicht nur auf „grain-free“ achten
  • Kohlenhydrate berechnen: nach Moeglichkeit unter 25 % halten
  • Proteinquelle pruefen: tierische Proteine sollen dominieren
  • Durchdacht variieren: nicht dauerhaft nur ein Produkt nutzen
  • Tierarzt einbeziehen: besonders bei bestehenden Erkrankungen

7.3 VetKriter-Empfehlung

Statt sich allein in der Debatte getreidefrei gegen getreidehaltig zu verlieren, sollten Futtermittel mit dem VetKriter-Bewertungssystem verglichen werden. VetScore fasst Proteinqualitaet, Kohlenhydratbelastung und den gesamten Ernaehrungswert praxisnah zusammen.

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Quellen

Association of American Feed Control Officials. (2023). AAFCO dog and cat food nutrient profiles. AAFCO Official Publication.

Dodd, S. A., Cave, N. J., Adolphe, J. L., Shoveller, A. K., & Verbrugghe, A. (2019). Plant-based (vegan) diets for pets: A survey of pet owner attitudes and feeding practices. PLoS ONE, 14(1), e0210806.

European Pet Food Industry Federation. (2021). Nutritional guidelines for complete and complementary pet food for cats and dogs. FEDIAF.

Freeman, L. M., Stern, J. A., Fries, R., Adin, D. B., & Rush, J. E. (2018). Diet-associated dilated cardiomyopathy in dogs: What do we know? Journal of the American Veterinary Medical Association, 253(11), 1390-1394.

Mueller, R. S., Olivry, T., & Prélaud, P. (2016). Critically appraised topic on adverse food reactions of companion animals (2): Common food allergen sources in dogs and cats. BMC Veterinary Research, 12(1), 9.

National Research Council. (2006). Nutrient requirements of dogs and cats. National Academies Press.

Plantinga, E. A., Bosch, G., & Hendriks, W. H. (2011). Estimation of the dietary nutrient profile of free-roaming feral cats: Possible implications for nutrition of domestic cats. British Journal of Nutrition, 106(S1), S35-S48.

U.S. Food and Drug Administration. (2020). FDA investigation into potential link between certain diets and canine dilated cardiomyopathy.

Zoran, D. L. (2002). The carnivore connection to nutrition in cats. Journal of the American Veterinary Medical Association, 221(11), 1559-1567.

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