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Dieser Inhalt wurde von Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK auf Basis wissenschaftlicher Quellen erstellt.
Tiergesundheit

Haarausfall bei Katzen und Hunden: Normal oder pathologisch? Ursachen und ernährungsmedizinisches Management

Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK 07 März 2026 108 Aufrufe

Klinischer Leitfaden zu normalem Fellwechsel und pathologischem Haarausfall bei Katze und Hund mit Ursachen, Diagnostik, Rassemuster, Ernährung und Fellpflege.


Haarverlust gehört zu den häufigsten Gründen, warum Besitzer mit Katzen oder Hunden eine tierärztliche Beratung suchen. Der Haarzyklus ist ein normaler physiologischer Prozess, und saisonaler Fellwechsel kann völlig normal sein. Übermäßiger, diffuser oder fokaler Haarverlust (Alopezie) kann jedoch auf eine dermatologische, endokrine, ernährungsbedingte oder systemische Grunderkrankung hinweisen. Die Fellqualität ist oft ein sichtbarer Spiegel des allgemeinen Gesundheits- und Ernährungszustands. Dieser Artikel hilft bei der Unterscheidung zwischen normalem Fellwechsel und pathologischem Haarausfall, erläutert die wichtigsten Ursachen, beschreibt den diagnostischen Ansatz und zeigt Strategien zur ernährungsmedizinischen Unterstützung der Fellgesundheit.

Befunde, die bei Haarverlust tierärztlich abgeklärt werden sollten
  • Fokale oder fleckige Alopezie, symmetrisch oder asymmetrisch
  • Haarausfall mit Juckreiz, vor allem bei geröteter, verkrusteter oder ulzerierter Haut
  • Hautveränderungen wie Schuppen, Pusteln, Mitesser, Verdickung oder starke Seborrhoe
  • Beidseitig symmetrische Alopezie als Hinweis auf eine endokrine Störung
  • Übermäßiges Lecken oder Zupfen, besonders bei Katzen
  • Schlechter Geruch als Hinweis auf sekundäre bakterielle oder Hefebesiedlung
  • Allgemeinsymptome wie Gewichtsverlust, Polyurie, Lethargie oder Appetitveränderung

1. Der Haarzyklus: normale Physiologie

Phasen des Haarwachstums
  • Anagen: Aktive Wachstumsphase mit rassespezifischer Dauer
  • Katagen: Übergangsphase mit Rückbildung des Follikels
  • Telogen: Ruhephase, in der das Haar verbleibt, aber nicht mehr wächst
  • Exogen: Abwurfphase, in der das alte Haar ausfällt und ein neuer Anagenzyklus beginnt
Einflussfaktoren auf den Fellwechsel
  • Photoperiode: Die Tageslichtlänge ist der wichtigste natürliche Auslöser
  • Temperatur: Wichtig, aber sekundär
  • Wohnungshaltung: Kunstlicht kann den saisonalen Rhythmus stören und zu ganzjährigem Haarwechsel führen
  • Rasse: Doppelhaarige Rassen verlieren besonders viel Unterwolle, kontinuierlich wachsende Haartypen sichtbar weniger
  • Hormone: Östrogene, Schilddrüsenhormone und Cortisol beeinflussen den Zyklus
  • Ernährung: Protein, Fettsäuren, Zink und Biotin beeinflussen die Fellqualität direkt

2. Normaler vs. abnormaler Fellverlust

Merkmal Normal (physiologisch) Abnormal (pathologisch)
Verteilung Diffus und gleichmäßig über den Körper verteilt Fokal, fleckig, symmetrisch oder asymmetrisch
Hautbild Gesund wirkende Haut Rötung, Schuppen, Krusten, Läsionen, Verdickung oder Hyperpigmentation
Juckreiz Fehlt Häufig vorhanden bei allergischen, parasitären oder infektiösen Ursachen
Fellqualität Ausfallende Haare wirken gesund, Nachwuchs ist sichtbar Das Fell ist oft trocken, stumpf, brüchig und der Nachwuchs bleibt aus
Saisonalität Häufiger im Frühjahr und Herbst Ganzjährig oder fortschreitend
Allgemeinbefinden Das Tier ist sonst gesund Gewichts-, Appetit- oder Energieveränderungen können hinzukommen

3. Ursachen pathologischen Haarverlusts

3.1 Juckende Alopezie

Ursache Typische Merkmale Tierart
Flohallergiedermatitis Häufigste Ursache; oft an Schwanzansatz, Rücken und Bauch; starker Juckreiz; schon wenige Flohbisse genügen Katze & Hund
Atopische Dermatitis Umweltallergene wie Staub, Pollen oder Schimmel; häufig an Gesicht, Ohren, Pfoten und Achseln; chronisch rezidivierend Häufig bei Hunden, auch bei Katzen
Futtermittelallergie Nicht saisonal; häufig an Gesicht, Ohren oder perinealer Region; Diagnose über Eliminationsdiät Katze & Hund
Sarkoptes-Räude Starker Juckreiz, oft an Ohrkanten, Ellenbogen und Brust; verkrustet; zoonotisch relevant Hund
Dermatophytose Ringförmige Läsionen mit Schuppen und Haarbruch; Juckreiz kann gering sein Häufig bei Katzen, auch bei Hunden
Malassezia-Dermatitis Fettige, übel riechende Haut, oft in Falten und warmen Arealen Häufig bei Hunden

3.2 Nicht juckende Alopezie

Ursache Typische Merkmale Tierart
Hypothyreose Beidseitig symmetrische Alopezie, „Rattenschwanz“, Adipositas, Lethargie und Bradykardie Hund
Hyperadrenokortizismus Symmetrische Rumpfalopezie, dünne Haut, Hängebauch, Polyurie/Polydipsie, teilweise Calcinosis cutis Hund
Hyperthyreose Struppiges Fell mit verstärktem Haarverlust und Gewichtsverlust Katze
Alopecia X Symmetrische Rumpfalopezie bei sonst gesunder Haut, vor allem bei Pomeranian und anderen nordischen Rassen Hund
Demodikose Lokalisierter oder generalisierter Haarverlust durch Demodex-Milben, v. a. bei jungen oder immunsupprimierten Hunden Häufig beim Hund, seltener bei der Katze
Telogenes Effluvium Diffuser Fellverlust nach Stress, Krankheit, Operation oder Geburt; meist vorübergehend Katze & Hund
Ernährungsbedingter Mangel Protein-, Fettsäuren-, Zink- oder Biotinmangel mit trockenem, stumpfem und brüchigem Fell Katze & Hund

3.3 Katzenspezifisch: psychogene Alopezie

Übermäßiges Putzen bei Katzen

Katzen mit Haarverlust an Bauch, Innenschenkeln oder Schwanz werden oft als psychogene Alopezie eingestuft. Studien zeigen jedoch, dass die meisten Fälle eine organische Ursache haben, etwa Allergien, Parasiten oder Schmerz. Psychogene Alopezie ist deshalb eine Ausschlussdiagnose. Katzen lecken oft heimlich übermäßig, sodass die Haut normal erscheint, während die Haare abgebrochen oder fehlen.

4. Diagnostischer Ansatz

Schritt Test Ziel
1. Anamnese Erfassung von Beginn, Dauer, Saisonalität, Juckreiz, Ernährung, Parasitenprophylaxe und Stressoren
2. Klinische Untersuchung Beurteilung von Haut und Fell Verteilung der Alopezie, Hautläsionen, Parasitenhinweise und Body Condition bewerten
3. Trichogramm Mikroskopische Haaruntersuchung Erkennung von Anagen-/Telogenhaaren, Haarbruch durch Lecken oder Ektothrix-Sporen
4. Hautgeschabsel Oberflächliche und tiefe Proben Nachweis von Demodex, Sarcoptes oder Cheyletiella
5. Wood-Lampe UV-Screening Einige Stämme von Microsporum canis fluoreszieren; ein negativer Befund schließt die Infektion nicht aus
6. Pilzkultur Dermatophyten-Testmedium Goldstandard für die Dermatophytose-Diagnostik, meist mit 7-14 Tagen Bearbeitungszeit
7. Blutuntersuchung T4, Cortisol, CBC, klinische Chemie Screening auf endokrine oder systemische Erkrankungen
8. Eliminationsdiät Diätversuch über 8-12 Wochen Diagnose einer Futtermittelallergie mit Novel-Protein- oder hydrolysierten Diäten
9. Hautbiopsie Histopathologie Bei atypischen Fällen, Autoimmunerkrankungen, Neoplasien oder Alopecia X

5. Rassespezifische Muster des Fellverlusts

Hunderassen
  • Starke Haarwechsler: Siberian Husky, Alaskan Malamute, Deutscher Schäferhund, Golden Retriever und Labrador mit ausgeprägtem saisonalem Unterwollwechsel
  • Wenig sichtbarer Haarverlust: Pudel, Bichon Frise, Malteser und Shih Tzu mit kontinuierlich wachsendem Fell und hohem Pflegebedarf
  • Rassen mit Hypothyreose-Risiko: Golden Retriever, Dobermann und Irish Setter
  • Alopecia X: Besonders bei Pomeranian, Chow Chow und Keeshond
  • Color-Dilution-Alopezie: Bei blauen oder aufgehellten Dobermännern und Italienischen Windspielen
Katzenrassen
  • Starke Haarwechsler: Perser, Maine Coon, Ragdoll und British Shorthair mit dichter Unterwolle
  • Geringer Haarverlust: Sphynx, Devon Rex, Cornish Rex und Siam
  • Dermatophyten-anfällig: Perser und Himalaya-Katzen mit langem, dichtem Fell
  • Tendenz zu psychogenem Putzen: Siam, Birma und Burma werden häufig als stressanfällige Rassen genannt

6. Ernährung und Fellgesundheit: Der VetKriter-Ansatz

VetKriter-Ernährungsprinzip

Haare gehören zu den am schnellsten wachsenden Geweben des Körpers und verbrauchen einen beträchtlichen Anteil an Protein und essenziellen Fettsäuren. Beim Hund können 25-30% des täglichen Proteineinsatzes für Haut und Fell benötigt werden. Stumpfes, trockenes und brüchiges Fell ist daher oft ein direkter Hinweis auf eine Ernährungsproblematik.

6.1 Kritische Nährstoffe für ein gesundes Fell

Nährstoff Funktion für Haut/Fell Mangelsymptome Quellen
Protein Keratinsynthese; Haare bestehen überwiegend aus Protein Trockenes, brüchiges, stumpfes Fell; verlangsamter Nachwuchs; Farbverlust Tierische Proteine wie Geflügel, Fisch, Lamm und Ei
Omega-6 (Linolsäure) Unterstützt die Epidermisbarriere und die Funktion der Talgdrüsen Trockene Haut, Schuppen, fettiges Fell, verzögerte Wundheilung Geflügelfett, Sonnenblumenöl, Maisöl
Omega-3 (EPA/DHA) Entzündungshemmend und unterstützend für Fellglanz Stärkere Ausprägung entzündlicher Hauterkrankungen Fischöl, Lachsöl, Krillöl
Zink Keratinozytenproliferation, Wundheilung und epidermale Erneuerung Zink-responsive Dermatose, Schuppen, Krusten, Alopezie Rotes Fleisch, Zinksulfat, chelatiertes Zink
Biotin Unterstützt die Keratinstruktur und den Fettsäurenstoffwechsel Brüchiges Fell und Alopezie; echte Defizite sind selten Leber, Eigelb, Supplemente
Vitamin A Regulation der Talgdrüsen und Differenzierung der Keratinozyten Hyperkeratose und schlechtes Fellbild; Überversorgung ist ebenfalls problematisch Leber, Fischöl, Beta-Carotin beim Hund
Vitamin E Antioxidativer Schutz und Unterstützung bei Dermatitis Hautläsionen und Pannikulitis Pflanzenöle, Tocopherole
Kupfer Wichtig für Melaninbildung, Fellfarbe und Kollagenvernetzung Ausblassen oder rötliche Farbveränderung des Fells Innereien, Kupfersulfat, chelatiertes Kupfer
Methionin + Cystein Schwefelhaltige Aminosäuren für Disulfidbrücken im Keratin Schwache Haarstruktur und langsamer Fellnachwuchs Ei, Fleisch und Fisch

6.2 Das Gleichgewicht zwischen Omega-6 und Omega-3

Fettsäuregleichgewicht und Fellgesundheit

Für Haut und Fell sind sowohl Omega-6- als auch Omega-3-Fettsäuren wichtig. Omega-6 stabilisiert die Hautbarriere, während Omega-3 (EPA/DHA) Entzündungen moduliert. Praktisch wird häufig ein Verhältnis von 5:1 bis 10:1 angestrebt. Viele kommerzielle Diäten enthalten genügend Omega-6, aber Omega-3 ist oft eher knapp, sodass Fischöl die Fellqualität und den Hautkomfort verbessern kann, insbesondere bei allergischen Tieren.

6.3 Futterqualität und Fellgesundheit

Futtermerkmale, die das Fell unterstützen
  • Hoher Anteil tierischer Proteine: Unterstützt Keratinbildung und schwefelhaltige Aminosäuren
  • Ausgewogenes Fettprofil: Genügend Omega-6 und Omega-3
  • Fisch- oder Lachsöl: Praktische Quelle für EPA und DHA
  • Chelatiertes Zink: Häufig besser verfügbar
  • Biotinunterstützung: Hilft bei der Stabilität der Haarstruktur
  • Antioxidantien: Vitamin E und Selen zur Reduktion von oxidativem Stress
Faktoren, die das Fell verschlechtern
  • Minderwertiges Protein: Pflanzenlastige Diäten mit unvollständigem Aminosäureprofil
  • Zu wenig Fett: Kann trockene Haut und stumpfes Fell verstärken
  • Ranziges Futter: Oxidierte Fette erhöhen den Vitamin-E-Bedarf und verschlechtern die Akzeptanz
  • Rohes Eiklar: Avidin bindet Biotin und kann langfristig zum Mangel beitragen
  • Vitamin-A-Überschuss: Selten, aber bei fehlerhafter Supplementierung möglich
  • Unausgewogene selbstgekochte Rationen: Risiko für Zink-, Kupfer- oder Biotinmangel

7. Fellpflege zu Hause

Regelmäßiges Bürsten
  • Kurzhaarige Tiere: Meist ein- bis zweimal wöchentlich mit Gummibürste oder Borstenbürste
  • Langhaarige Tiere: Häufig tägliches Bürsten mit Slicker-Bürste und Metallkamm
  • Doppelhaarige Rassen: Unterwollwerkzeuge und häufigeres Bürsten während des Fellwechsels
  • Katzen: Zwei- bis dreimal wöchentlich ist oft ausreichend, Langhaarkatzen brauchen eher tägliche Pflege
  • Bürsten verbessert zusätzlich die Durchblutung und verteilt natürliche Hautfette
Baden
  • Hunde: Meist genügt ein- bis zweimal im Monat; zu häufiges Baden entfernt natürliche Fette
  • Katzen: Gewöhnlich keine Routinebäder nötig, außer in speziellen Langhaar- oder medizinischen Situationen
  • Shampoowahl: Tierärztliches Shampoo ist vorzuziehen; Humanprodukte sind ungeeignet
  • Dermatologische Erkrankung: Je nach Diagnose können medizinische Shampoos sinnvoll sein
  • Zu häufiges Baden: Kann Trockenheit verstärken und damit den Fellverlust verschlimmern

8. Wann sollte man zum Tierarzt?

Meist normal und beobachtbar
  • Saisonaler diffuser Fellwechsel im Frühjahr oder Herbst
  • Kein Juckreiz und keine Hautveränderungen
  • Gute Fellqualität mit erkennbarem Nachwuchs
  • Das Tier ist sonst gesund und aktiv
  • Das Problem lässt sich durch Bürsten gut kontrollieren
Tierärztliche Abklärung nötig
  • Fleckiger oder fokaler Haarverlust
  • Juckreiz, Rötung, Krusten oder Reizung
  • Symmetrische Rumpfalopezie
  • Pusteln, Ulzera oder verdickte Haut
  • Starker Geruch als Hinweis auf Infektion
  • Gewichtsverlust, vermehrtes Trinken oder andere Allgemeinsymptome
  • Alopezie an Bauch oder Innenschenkeln bei Katzen

9. Quellen

  1. Miller WH, Griffin CE, Campbell KL. Muller and Kirk's Small Animal Dermatology. 7th Ed. Elsevier. 2013.
  2. Watson TDG. Diet and skin disease in dogs and cats. J Nutr. 1998;128(12):2783S-2789S.
  3. Bauer JE. Therapeutic use of fish oils in companion animals. JAVMA. 2011;239(11):1441-1451.
  4. White SD. Food hypersensitivity in 30 dogs. JAVMA. 1986;188(7):695-698.
  5. Colombini S, et al. Feline symmetrical alopecia: A prospective study. JAAHA. 2001;37(5):411-415.
  6. FEDIAF Nutritional Guidelines for Complete and Complementary Pet Food. 2024.
  7. WSAVA Global Nutrition Committee. Nutritional Assessment Guidelines. 2024.
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