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Dieser Inhalt wurde von Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK auf Basis wissenschaftlicher Quellen erstellt.
Mastrinder

Kälberaufzucht und Fütterungsprogramm: Vom Kolostrum bis zum Absetzen

Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK 18 Februar 2026 116 Aufrufe

Praxisleitfaden zur Kälberfütterung mit Verdauungsentwicklung, Flüssigfütterung, Starteraufnahme, Absetzstrategie, Durchfall- und BRD-Management, Haltung, Nabelpflege und Wachstumszielen.


Die Kälberaufzucht ist die entscheidende Phase für die Zukunft sowohl der Milch- als auch der Mastproduktion. Das Fütterungsprogramm, das Kolostrummanagement und die Gesundheitsprotokolle vom Geburtszeitpunkt bis zum Absetzen prägen die lebenslange Leistung. Mangelhaft aufgezogene Kälber erreichen in der ersten Laktation häufig 10-15% weniger Milch, und auch die spätere Mastleistung kann 8-12% schlechter ausfallen. Dieser Leitfaden fasst Verdauungsphysiologie, Flüssigfütterung, Starteraufnahme, Absetzstrategie und Gesundheitsmanagement praxisnah zusammen.

Kritische Kennzahl

Die Kälbersterblichkeit liegt in der Türkei häufig bei 8-15%, während gut geführte Systeme ein praktisches Ziel von <5% anstreben. Etwa 60-70% der Verluste treten in den ersten 30 Lebenstagen auf, vor allem durch Durchfall und Atemwegserkrankungen. Mit korrektem Kolostrummanagement und einem strukturierten Fütterungsprogramm lassen sich diese Verluste deutlich reduzieren.

Verwandter Artikel: Kolostrummanagement

Für Details zur Kolostrumqualität, zum Verabreichungszeitpunkt und zum Management eines unzureichenden passiven Transfers:

Zum Kolostrum-Artikel

1. Entwicklung des Verdauungssystems beim Kalb

Das neugeborene Kalb ist funktionell zunächst ein Monogastrier. Pansen, Netzmagen und Blättermagen sind noch unreif, und die Milch gelangt über die Schlundrinnenreflexe direkt in den Labmagen. Eine funktionelle Pansenentwicklung beginnt mit der Aufnahme von Festfutter und wird in der Regel ab der 6.-8. Lebenswoche relevant.

Präruminante Phase (0-3 Wochen)
  • Verdauung: Labmagen dominiert, Milchverdauung steht im Vordergrund
  • Pansen: Klein, ohne Papillen, noch nicht funktionell
  • Enzyme: Laktase und Lipase aktiv, Amylase gering
  • Wichtigste Energiequelle: Milchzucker und Milchfett
  • Schlundrinne: Bei Milchgaben aktiv
Übergangsphase (3-8 Wochen)
  • Verdauung: Labmagen bleibt wichtig, Pansen entwickelt sich
  • Pansen: Papillenwachstum beginnt über VFA-Stimulation
  • Starterfutter: Zentraler Auslöser der Pansenreifung
  • VFA-Bildung: Butyrat und Propionat fördern Papillenwachstum
  • Mikrobiota: Kolonisation nimmt rasch zu
Wiederkäuerphase (ab 8 Wochen)
  • Verdauung: Funktioneller Pansen mit aktiver VFA-Absorption
  • Pansen: Papillen und Mikrobiota sind deutlich entwickelt
  • Ration: Festfutter bildet die Ernährungsbasis
  • Absetzen: Möglich bei ausreichender Starteraufnahme
  • Raufutter: Danach schrittweise steigern
Schlüsselfaktor für die Entwicklung der Pansenpapillen

Der wichtigste Reiz für das Papillenwachstum ist die Bildung von flüchtigen Fettsäuren, vor allem Butyrat und Propionat. Diese entstehen in erster Linie bei der Fermentation von Starterfutter. Raufutter vergrößert eher das Pansenvolumen, trägt aber weniger zur Papillenentwicklung bei.

2. Flüssigfütterung nach dem Kolostrum

2.1 Konventionelle vs. intensive Aufzucht

Konventionelle Programme liefern meist 8-10% des Körpergewichts als Milch oder Milchaustauscher, moderne intensive Programme eher 15-20%. Eine bessere tägliche Zunahme vor dem Absetzen ist regelmäßig mit höherer späterer Leistungsfähigkeit verknüpft.

Parameter Konventionell Intensiv
Tägliche Flüssigmenge4-5 L/Tag8-10 L/Tag
Konzentration des MAT12,5% TS15-18% TS
Tränken pro Tag23 oder ad libitum
Ziel-TZ (0-8 Wochen)0,3-0,5 kg/Tag0,7-1,0 kg/Tag
Absetzgewicht1,5-1,7 × Geburtsgewicht2,0-2,2 × Geburtsgewicht
Späterer EffektReferenzHöheres Leistungspotenzial

2.2 Vollmilch vs. Milchaustauscher

Vollmilch
  • Vorteile: Hohe Verdaulichkeit und natürliche bioaktive Bestandteile
  • Vorteile: Kein zusätzlicher Einkauf nötig, wenn nicht vermarktbare Milch anfällt
  • Nachteile: Zusammensetzung kann schwanken
  • Nachteile: Hygienemängel erhöhen das Infektionsrisiko
  • Best Practice: Pasteurisierung ist vorzuziehen
Milchaustauscher
  • Vorteile: Konstante Nährstoffzusammensetzung und gute Lagerbarkeit
  • Vorteile: Geringeres Infektionsrisiko als bei problematischer Tankmilch
  • Nachteile: Qualitätsunterschiede zwischen Produkten sind groß
  • Nachteile: Minderwertige pflanzliche Proteine können Verdauungsstörungen fördern
  • Qualitätsziel: Mindestens 22% Rohprotein und 18% Fett, möglichst milchproteinbasiert
Qualitätskriterien für Milchaustauscher

Ein hochwertiger Milchaustauscher sollte sich überwiegend auf Milchproteine wie Molke und Kasein stützen. Zu hohe Anteile an Sojaprotein oder Weizengluten können bei jungen Kälbern das Risiko für Durchfall, Darmstörungen und Wachstumsdepressionen erhöhen.

3. Starterfutter und Übergang zu Festfutter

3.1 Merkmale eines guten Starters

Starterfutter ist der wichtigste ernährungsphysiologische Reiz für die Pansenentwicklung. Entscheidend sind Schmackhaftigkeit, Energiedichte und eine gleichmäßige Zusammensetzung, damit das Kalb früh freiwillig frisst.

ParameterZielBedeutung
Rohprotein18-22%Unterstützt frühes Muskelwachstum
EnergieHoch, getreidebasiertFördert Aufnahme und VFA-Bildung
NDFNiedrig bis moderatVerhindert vorzeitige Füllung
Stärke30-40%Fördert Propionat und Butyrat
Physische FormStrukturiert oder gutes PelletVerbessert Schmackhaftigkeit
Melasse3-5%Verbessert Akzeptanz und bindet Staub

3.2 Raufutter: wann und wie viel?

Die Raufutter-Diskussion
  • Traditionelle Sicht: Heu ab der ersten Woche anbieten
  • Moderner Ansatz: In den ersten 3-4 Wochen Starter priorisieren
  • Begründung: Zu viel frühes Raufutter kann die Starteraufnahme senken
  • Kompromiss: Kleine Mengen qualitativ guten Heus ab Woche 4
  • Silage: Vor der 8. Woche vermeiden

4. Absetzstrategien

Das Absetzen sollte sich am Starterverzehr und nicht allein am Alter orientieren. Wird die Milch zu früh entzogen, drohen Wachstumsdepressionen und ein schwieriger Übergang zur Festfutteraufnahme.

Kriterien für das Absetzen
  • Starteraufnahme: Mindestens 1,0-1,5 kg/Tag an 3 aufeinanderfolgenden Tagen
  • Alter: Meist mindestens 6 Wochen, bei intensiven Programmen eher später
  • Körpergewicht: Möglichst mindestens das Doppelte des Geburtsgewichts
  • Methode: Step-down über 7-10 Tage ist meist am sichersten
  • Abruptes Absetzen: Nur bei sehr guter Starteraufnahme erwägen
AbsetzverfahrenPraktische DurchführungVorteilNachteil
Step-downMilchmenge in den letzten 7-10 Tagen etwa halbierenMehr Starteraufnahme, weniger StressMehr Arbeitsaufwand
AbruptMilch wird an einem festen Tag vollständig abgesetztEinfach zu planenVorübergehender Leistungseinbruch möglich
AltersabhängigAbsetzen zu einem festen AlterLeicht planbarIndividuelle Reife bleibt unberücksichtigt
StarterabhängigAbsetzen bei 1,0-1,5 kg/Tag über 3 TageBiologisch am zuverlässigstenTägliche Kontrolle nötig

5. Fütterungsprogramm nach Lebensabschnitt

AbschnittAlterFlüssigfutterStarterRaufutterWasserZunahmeziel
Kolostrum0-3 Tage4 L in den ersten 2 Stunden + 2 L nach ca. 12 StundenFreier Zugang
Frühe Milchphase4-21 Tage6-8 L/Tag in 3 MahlzeitenFreier Zugang, geringe Aufnahme erwartetFreier Zugang0,5-0,7 kg/Tag
Übergang22-42 Tage6-8 L/Tag in 2-3 MahlzeitenZunehmende AufnahmeKleine Menge HeuFreier Zugang0,6-0,9 kg/Tag
Vor dem Absetzen43-56 Tage3-4 L/Tag mit Step-downMindestens 1,0 kg/Tag100-200 g/Tag HeuFreier Zugang0,7-1,0 kg/Tag
Nach dem Absetzen57-90 Tage2,0-3,0 kg/Tag0,3-0,5 kg/Tag HeuFreier Zugang0,8-1,2 kg/Tag

6. Gesundheitsmanagement beim Kalb

6.1 Neugeborenendurchfall

Durchfall ist die häufigste Verlustursache im ersten Lebensmonat. Meist handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen aus Infektionserregern, Managementfehlern, unzureichendem passiven Transfer und Hygienemängeln.

Häufige infektiöse Erreger
ErregerTypisches AlterTypisches Bild
E. coli K991-5 TageWässriger gelber Durchfall, rasche Dehydratation
Rotavirus5-15 TageWässrig bis schleimig
Coronavirus5-21 TageSchwerere Darmschädigung
Cryptosporidium5-35 TagePersistierender wässriger Durchfall
Salmonella5-28 TageFieber, Systemerkrankung, evtl. blutiger Durchfall
Prioritäten im Durchfallmanagement
  • Orale Rehydratation: In den meisten Fällen erste Behandlungsmaßnahme
  • Milch nicht komplett absetzen: Milch weitergeben, ORS in getrennten Mahlzeiten
  • IV-Flüssigkeit: Bei schwerer Dehydratation oder starker Depression
  • Antibiotika: Vor allem bei Septikämieverdacht
  • Schmerzmanagement: NSAIDs können Komfort und Futteraufnahme verbessern
  • Prävention: Kolostrum, Hygiene, Impfung der Muttertiere nach Bedarf

6.2 Atemwegserkrankungen (BRD)

Atemwegserkrankungen sind nach Durchfall die zweithäufigste Ursache für Verluste und Leistungseinbußen. Schlechte Lüftung, Überbelegung, Kältestress und Gruppenmischung erhöhen das Risiko deutlich.

Wisconsin-Scoring für Atemwegserkrankungen
  • Nasen- und Augenausfluss, Husten, Ohrenstellung und Rektaltemperatur werden von 0 bis 3 bewertet
  • Gesamtwert ≥5 rechtfertigt meist eine therapeutische Abklärung
Parameter0123
NasenausflussKeinerWenig, klarTrüb oder einseitigEitrig, beidseitig
AugenausflussKeinerLeichtMittelStark, klebrig
HustenKeinerEinzeln, provoziertWiederholt, provoziertHäufig oder spontan
OhrenstellungNormalLeicht hängendEin Ohr hängtBeide Ohren hängen
Rektaltemperatur<39,2°C39,2-39,6°C39,7-40,2°C>40,2°C

7. Haltung und Umweltmanagement

ParameterZielPraktische Bedeutung
Haltungssystem (0-8 Wochen)Einzeliglu oder EinzelbuchtBessere Biosicherheit und Kontrolle
Haltung (ab 8 Wochen)Kleine GruppenSoziale Anpassung bei begrenztem Infektionsdruck
PlatzangebotAusreichender Innen- und AußenbereichNormales Liegen, Aufstehen und Bewegen
EinstreuTief und trockenReduziert Auskühlung und Keimdruck
LüftungFrischluft ohne ZugluftKontrolliert Feuchtigkeit und Ammoniak
TemperaturmanagementKältestress vermeidenEnergiebedarf steigt deutlich unterhalb der Komfortzone
Checkliste für die Haltung
  • Einstreu so trocken halten, dass ein gutes Nesting-Score möglich ist
  • Kranke Kälber sofort separieren
  • Eimer und Tränkeutensilien nach jeder Nutzung reinigen
  • Altersgruppen nicht unnötig mischen
  • Luftwechsel, Feuchte und Ammoniak regelmäßig prüfen
Kältestress und Energiebedarf

Die untere kritische Temperatur ist beim neugeborenen Kalb relativ hoch, besonders wenn es nass ist oder schlecht eingestreut wird. Mit sinkender Umgebungstemperatur steigt der Energiebedarf deutlich. In kalten Perioden muss daher entweder die Tränkemenge oder die Energiedichte erhöht werden.

8. Nabelpflege und Hygiene

Protokoll zur Nabeldesinfektion
  • Zeitpunkt: Möglichst sofort nach der Geburt, idealerweise innerhalb von 30 Minuten
  • Lösung: Häufig 7%ige Jodtinktur oder 4% Chlorhexidin
  • Methode: Den gesamten Nabelstumpf gründlich eintauchen
  • Wiederholung: Nach 12-24 Stunden oft sinnvoll
  • Kontrolle: Täglich auf Schwellung, Ausfluss, Wärme oder Schmerz prüfen
  • Risiko: Omphalitis kann zu Septikämie oder Gelenkinfektionen führen

9. Monitoringparameter und Wachstumsziele

ParameterZielAlarmgrenzeKontrollfrequenz
TZ (0-8 Wochen)Mindestens 0,7 kg/Tag in intensiven Programmen<0,4 kg/TagWöchentliche Wiegung
AbsetzgewichtMindestens 2 × Geburtsgewicht<1,7 × GeburtsgewichtBeim Absetzen
Starteraufnahme beim AbsetzenMindestens 1,0-1,5 kg/Tag<0,75 kg/TagTägliche Erfassung
Durchfallinzidenz<20%>30%Täglicher Kot-Score
BRD-Inzidenz<10%>15%Tägliches Atemwegs-Scoring
Mortalität (0-60 Tage)<3%>5%Kumulative Auswertung
Serum-GesamtproteinMindestens 5,5 g/dL<5,0 g/dLTage 1-7 mit Refraktometer
Woran erkennt man ein gutes Programm?

Ein gutes Kälberprogramm wird nicht an nur einer Kennzahl gemessen. Niedrige Mortalität, starke Starteraufnahme beim Absetzen, stabile tägliche Zunahmen, geringe Erkrankungsraten und ein ruhiger Übergang von Milch zu Festfutter gehören immer zusammen.

10. Literatur

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  • Roland, L., et al. (2016). Influence of climatic conditions on calf development, performance, and health. Journal of Dairy Science, 99(4), 2438-2452.
  • Soberon, F., et al. (2012). Preweaning milk replacer intake and long-term productivity of dairy calves. Journal of Dairy Science, 95(2), 783-793.
  • USDA NAHMS. (2018). Dairy 2014: Health and Management Practices on U.S. Dairy Operations.
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