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Dieser Inhalt wurde von Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK auf Basis wissenschaftlicher Quellen erstellt.
Milchvieh

Lahmheiten und Klauenerkrankungen: Laminitis, digitale Dermatitis und Klauenpflege

Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK 18 Februar 2026 95 Aufrufe

Praxisleitfaden zu Lahmheiten mit Ätiologie, Laminitis, Locomotion Scoring, wichtigen Klauenläsionen, funktioneller Klauenpflege, Fußbädern und Herdenmonitoring.


Lahmheiten sind nach Mastitis und Fruchtbarkeitsstörungen die drittwichtigste Ursache wirtschaftlicher Verluste in Milchviehbetrieben und zugleich ein zentraler Indikator für das Tierwohl. Die Prävalenz liegt in Milchviehherden zwischen 20% und 55%, und die große Mehrheit der Fälle geht auf Klauenerkrankungen zurück. Dieser Beitrag behandelt Ätiologie, Locomotion Scoring, wichtige Klauenläsionen, die Pathophysiologie der Laminitis, therapeutische Ansätze und die funktionelle Klauenpflege anhand der aktuellen Literatur.

Wirtschaftliche Bedeutung

Die Kosten pro Lahmheitsfall liegen zwischen 120 und 350 US-Dollar, wenn Behandlung, Milchverlust, Fruchtbarkeitsstörungen und vorzeitige Merzung berücksichtigt werden. Lahme Kühe geben 5-36% weniger Milch, die Trächtigkeitsrate nach der ersten Besamung sinkt um 15-25%, und das Risiko einer vorzeitigen Herdenabgabe steigt um das 2- bis 3-Fache. In der Türkei wird die Lahmheitsprävalenz in Milchviehherden auf 25-40% geschätzt (Huxley, 2013; Dolecheck & Bewley, 2018).

1. Ätiologie der Lahmheit

Mehr als 90% aller Lahmheitsläsionen treten an den Hintergliedmaßen auf, und 70-80% betreffen die laterale Klaue. An den Vordergliedmaßen ist dagegen häufiger die mediale Klaue betroffen. Diese Asymmetrie hängt mit Gewichtsverteilung und Klauenanatomie zusammen (Murray et al., 1996).

Infektiöse Klauenerkrankungen
  • Digitale Dermatitis (DD): verursacht durch Treponema spp.; häufigste schmerzhafte erosive Läsion
  • Interdigitale Dermatitis: Fusobacterium, Dichelobacter — Entzündung im Zwischenklauenspalt
  • Interdigitales Phlegmon (Panaritium): F. necrophorum — akute Schwellung, Fieber, hochgradige Lahmheit
  • Fersenhorn-Erosion: chronische Schädigung im Fersenbereich bei Feuchtigkeit und Güllekontakt
Nicht infektiös (metabolisch/mechanisch)
  • Sohlengeschwür: Korienschaden, oft Folge einer Laminitis
  • White-Line-Erkrankung: Auflösung der weißen Linie mit Abszessbildung
  • Sohlenblutung: Hinweis auf subklinische Laminitis
  • Klauenrisse: vertikale oder horizontale Spalten, häufig in trockener Umgebung
  • Dünne Sohle: durch übermäßigen Abrieb oder aggressives Kürzen

2. Laminitis: Die metabolische Grundlage der Lahmheit

Laminitis ist eine Entzündung des empfindlichen Coriums innerhalb der Klaue und entsteht infolge einer vaskulären Schädigung im Klauenkapselbereich. Subklinische Laminitis ist ein stiller Prozess, der die Klauenstruktur verändert, ohne sofort offensichtliche Lahmheit auszulösen, und damit Sohlengeschwüre, White-Line-Läsionen und andere Defekte begünstigt (Nocek, 1997).

Pathogenesekaskade der Laminitis
1. Auslöser

SARA, Endotoxin
Histamin ↑
Stress im Übergangszeitraum

2. Gefäßschaden

Vaskulitis im Corium
Thrombose, Ischämie
Arteriovenöse Shunts

3. Strukturversagen

Laminäre Verbindung schwächt sich ab
Rotation von P3
Kompression des Coriums

4. Klinische Läsion

Sohlengeschwür
White-Line-Defekt
Sohlenblutung
(2-3 Monate später)

Zwischen Auslöser und sichtbarer Läsion liegt oft eine Verzögerung von 2-3 Monaten. SARA im Übergangszeitraum kann daher erst 2-3 Monate nach dem Abkalben als Lahmheit sichtbar werden.

2.1 Risikofaktoren der Laminitis

Risikofaktor Mechanismus Risikozunahme
SARA / Pansenazidose LPS + Histamin → Vaskulitis 2-5-fach
Übergangszeit Hormonelle Veränderungen, negative Energiebilanz, Immunsuppression Gipfel im 2.-4. Monat nach dem Abkalben
Betonboden Mechanisches Trauma und übermäßiger Abrieb 2-3-fach höher in Ställen ohne Gummimatten
Langes Stehen Überbelegung und schlechte Liegeboxen verlängern die Standzeit >10 Stunden Stehen/Tag erhöhen das Risiko
Erstkalbende Kühe Dünne Sohlen, sozialer Stress, Anpassungsprobleme Höheres DD-Risiko
Hoher BCS / starker BCS-Verlust Verlust des digitalen Fettpolsters verringert mechanischen Schutz BCS-Verlust >1 Punkt erhöht das Risiko

3. Locomotion Scoring

Das Locomotion Scoring ist die Standardmethode zur Früherkennung von Lahmheit und zur Beurteilung der Herdenprävalenz. Am häufigsten wird das 5-Punkte-System nach Sprecher et al. (1997) verwendet.

Score Beschreibung Klinische Zeichen Maßnahme
1 Normal Gerader Rücken, gleichmäßiger Schritt, normale Geschwindigkeit Routineüberwachung
2 Leichte Lahmheit Leicht gewölbter Rücken beim Gehen, verkürzte Schritte Klauenkontrolle einplanen
3 Mittelgradige Lahmheit Deutlich gewölbter Rücken, kurze Schritte, Entlastung eines Fußes Klauenpflege + Untersuchung
4 Schwere Lahmheit Ausgeprägtes Hinken, schlechte Belastung, langsames Gehen Dringende Behandlung
5 Sehr schwer Verweigert das Laufen, liegt viel, steht auf drei Beinen Notfallbehandlung + Prognosebewertung

4. Wichtige Klauenerkrankungen und ihre Behandlung

4.1 Digitale Dermatitis (DD / Mortellaro)

Die digitale Dermatitis ist weltweit die häufigste infektiöse Klauenerkrankung. Sie wird mit Treponema spp. in Verbindung gebracht und ist durch schmerzhafte, erdbeerartige erosive Läsionen im Fersenbereich gekennzeichnet. Die Prävalenz liegt bei 20-40% (Döpfer et al., 2012).

DD-Stadium (M-Score) Beschreibung Therapie
M0 Normale Haut, keine Läsion Prävention (Fußbad)
M1 Frühe kleine granulomatöse Läsion (<2 cm) Topisches Antibiotikum, z. B. Oxytetracyclin-Spray
M2 Aktive, schmerzhafte, ulzerative „Erdbeer“-Läsion (>2 cm) Topisches Antibiotikum + Verband für 3-5 Tage
M3 Heilungsphase mit Schorfbildung Kontrolle und Fortsetzung des Fußbadprogramms
M4 Chronische hyperkeratotische oder proliferative Läsion Topische Therapie, hohes Rezidivrisiko

4.2 Sohlengeschwür

Behandlungsprotokoll bei Sohlengeschwür
  • Funktionelle Klauenpflege: Belastung der betroffenen Klaue reduzieren
  • Therapieblock: Holz- oder Gummiblock auf die gesunde Klaue kleben, um die erkrankte Klaue zu entlasten
  • Débridement: nekrotisches Horn entfernen, gesundes Granulationsgewebe schonen
  • Verband: sauber anlegen und alle 3-5 Tage wechseln
  • NSAID: Analgesie, z. B. Meloxicam
  • Heilungszeit: in der Regel 4-8 Wochen bei guter Entlastung
  • Prognose: gut bei früher Therapie; schlecht bei chronischer Osteitis von P3

4.3 Interdigitales Phlegmon (Panaritium)

Therapie des Panaritiums
  • Erreger: meist Fusobacterium necrophorum, Eintritt über geschädigte Haut im Zwischenklauenspalt
  • Klinik: plötzliche hochgradige Lahmheit, interdigitales Ödem, Fieber, Inappetenz
  • Therapie: systemische Antibiotika wie Ceftiofur, Oxytetracyclin oder Penicillin für 3-5 Tage
  • NSAID: Kontrolle von Schmerz und Entzündung
  • Prognose: sehr gut (>90%) bei früher Behandlung; schlecht bei Gelenkbeteiligung

5. Funktionelle Klauenpflege

Die funktionelle Klauenpflege ist ein Grundpfeiler der Lahmheitsprävention. Die niederländische 5-Schritt-Methode nach Toussaint Raven (1989) ist weiterhin der weltweit am häufigsten verwendete Standard.

Dutch 5-Step Functional Hoof Trimming
  1. Zuerst die mediale Klaue formen: Ziellänge 7,5 cm, Sohlenstärke 5-7 mm, flache Sohle
  2. Laterale Klaue angleichen: gleiche Höhe und Länge wie die mediale Klaue
  3. Sohle modellieren: axiale Wand anschrägen, Gewicht auf die abaxiale Wand verlagern
  4. Läsionen behandeln: Ulzera oder White-Line-Defekte gezielt débridieren
  5. Therapieblock anbringen: bei Bedarf auf die gesunde Klaue kleben
Klauenpflegeprogramm
  • Routinepflege: 2-3 Mal pro Jahr für die gesamte Herde
  • Zeitpunkt: zum Trockenstellen und erneut bei 100-150 Laktationstagen
  • Erstkalbinnen: zweimal in der ersten Laktation, vor dem Kalben und um Tag 100
  • Lahme Kühe: sofort untersuchen und nicht bis zum Routinetermin warten
  • Personal: geschulte Mitarbeitende oder zertifizierte Klauenpfleger

6. Fußbad-Protokoll

Lösung Konzentration Häufigkeit Vorteil / Nachteil
Kupfersulfat (CuSO₄) 5-10% 2-4 Durchgänge pro Woche Wirksam gegen DD, aber mit Risiko der Umweltbelastung
Formalin 3-5% 2-3 Durchgänge pro Woche Härtet Horn, ist aber karzinogen und unter 13°C wenig wirksam
Kupfersulfat + Formalin 5% CuSO₄ + 2% Formalin 2-3 Durchgänge pro Woche Kombination kann die Wirksamkeit verbessern
Handelsprodukte Je nach Produkt Je nach Produkt Umweltfreundlichere Alternativen, aber teurer

7. Herdenmonitoring

Parameter Ziel Alarmgrenze Messung
Lahmheitsprävalenz (LS ≥3) <10% >20% Monatliches Locomotion Scoring
Schwere Lahmheit (LS ≥4) <2% >5% Monatliches Locomotion Scoring
DD-Prävalenz <15% >25% Klauenkontrolle beim Verlassen des Melkstands
Sohlengeschwür-Inzidenz <5% pro Jahr >10% pro Jahr Klauenpflegedokumentation
Merzung wegen Lahmheit <5% pro Jahr >8% pro Jahr Herdendokumentation

8. Literatur

  • Dolecheck, K., & Bewley, J. (2018). Animal board invited review: Dairy cow lameness expenditures, losses and total cost. Animal, 12(7), 1462-1474.
  • Döpfer, D., et al. (2012). Digital dermatitis in dairy cattle: Current state of the art. Research in Veterinary Science, 93(1), 45-50.
  • Huxley, J. N. (2013). Impact of lameness and claw lesions in cows on health and production. Livestock Science, 156(1-3), 64-70.
  • Murray, R. D., et al. (1996). Epidemiology of lameness in dairy cattle: Description and analysis of foot lesions. The Veterinary Record, 138(24), 586-591.
  • Nocek, J. E. (1997). Bovine acidosis: Implications on laminitis. Journal of Dairy Science, 80(5), 1005-1028.
  • Sprecher, D. J., et al. (1997). A lameness scoring system that uses posture and gait to predict dairy cattle reproductive performance. Theriogenology, 47(6), 1179-1187.
  • Toussaint Raven, E. (1989). Cattle Footcare and Claw Trimming. Ipswich, UK: Farming Press.
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