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Dieser Inhalt wurde von Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK auf Basis wissenschaftlicher Quellen erstellt.
Nutztiere

Trächtigkeitsdauer und Abkalbekalender bei Nutztieren: Ein umfassender Leitfaden

Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK 25 Januar 2026 121 Aufrufe

Ein umfassender Leitfaden zu Trächtigkeitsdauer, Geburtszeitpunkt, fetaler Entwicklung, Dystokie und Nachsorge bei Nutztieren.


Bei Nutztieren gehören Trächtigkeitsdauer und Geburtszeitpunkt zu den wichtigsten Faktoren der Reproduktionsleistung. Eine präzise Trächtigkeitskontrolle bei Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden und Schweinen senkt perinatale Verluste und verbessert die Wirtschaftlichkeit des Betriebs. Auf Grundlage der aktuellen Literatur und der NRC-Standards werden in diesem Beitrag die Trächtigkeitsphysiologie, artspezifische Unterschiede und das Geburtsmanagement praxisnah dargestellt.

Wirtschaftliche Bedeutung

Eine korrekte Trächtigkeitskontrolle und rechtzeitige Intervention können den Verlust von Kälbern, Lämmern und Zicklein um 15-25% senken. Bei Dystokie verbessert ein frühes Eingreifen die Überlebenschance von Muttertier und Nachwuchs deutlich (Mee, 2008; Dwyer et al., 2016).

VetKriter-Trächtigkeitskalender

Berechnen Sie aus dem Besamungsdatum den erwarteten Geburtstermin und überwachen Sie kritische Phasen.

Trächtigkeitstermin berechnen

1. Trächtigkeitsdauer nach Tierart

Die Trächtigkeitsdauer variiert je nach Tierart, Rasse, Geschlecht des Fetus und Umweltfaktoren. Die folgende Tabelle zeigt Durchschnittswerte und typische Schwankungsbereiche.

Tierart Durchschnitt (Tage) Bereich (Tage) Einflussfaktoren
🐄 Rind (Bos taurus)283275-295Rasse, Geschlecht, Zwillingsträchtigkeit, Jahreszeit
🐑 Schaf (Ovis aries)150144-152Rasse, Ernährungszustand, Wurfgröße
🐐 Ziege (Capra hircus)150145-155Rasse, Mehrlingsgravidität, Alter
🐴 Pferd (Equus caballus)340320-365Rasse, Jahreszeit, fetales Geschlecht
🐷 Schwein (Sus scrofa)114111-117Rasse, Wurfgröße, Parität
Klinischer Hinweis

Männliche Feten führen in der Regel zu einer um 1-2 Tage längeren Trächtigkeit als weibliche. Zwillinge bzw. Mehrlinge verkürzen die Dauer meist um 3-7 Tage (Norman et al., 2009).

2. Trächtigkeitsphysiologie beim Rind

2.1 Hormonelle Regulation

Beim Rind hängt die Aufrechterhaltung der Trächtigkeit vom Progesteron des Corpus luteum ab. In den ersten 200 Trächtigkeitstagen ist das Corpus luteum die Hauptquelle; später trägt auch die Plazenta zur Progesteronproduktion bei (Wiltbank et al., 2016).

Progesteron
  • Erhält die Trächtigkeit
  • Hemmt Uteruskontraktionen
  • Verdickt den Zervixschleim
  • Fördert Immuntoleranz
Östrogen
  • Hinweis auf fetale Entwicklung
  • Fördert das Drüsenwachstum der Milchdrüse
  • Bereitet den Geburtskanal vor
  • Steigt vor der Geburt an
Prostaglandin F2α
  • Verursacht Luteolyse
  • Stimuliert Uteruskontraktionen
  • Fördert die Zervixdilatation
  • Löst die Geburt aus

2.2 Embryologische Entwicklung

TagEntwicklungsstadiumKlinische Bedeutung
0Befruchtung (Ovidukt)Besamungszeitpunkt ist entscheidend
5-6Morula erreicht den UterusOptimale Phase für den Embryotransfer
7-8BlastozystenbildungSchlüpfen aus der Zona pellucida
16-19Materno-fetale Erkennung (IFN-τ)Kritische Phase: Luteolyse verhindern
25-30Herzschlag beginnt Trächtigkeitsbestätigung per Ultraschall
42-45PlazentombildungKotyledon-Karunkel-Verbindung
55-60Geschlechtsbestimmung möglich Geschlechtsbestimmung per Ultraschall
150Mineralisation des fetalen SkelettsRöntgendiagnostik möglich
260-270Reifung der fetalen LungeSurfactantbildung, Vitalität
283 (±10)Geburt (Partus)Progesteron fällt, Cortisol steigt

2.3 Materno-fetale Erkennung der Trächtigkeit

Der Embryo signalisiert seine Anwesenheit durch die Sekretion von Interferon-tau (IFN-τ). Dieses Signal verhindert die Freisetzung von Prostaglandin F2α aus dem Endometrium und schützt so das Corpus luteum. Bei unzureichender IFN-τ-Produktion kommt es zur Luteolyse und zum Trächtigkeitsverlust (Spencer et al., 2007).

Praxis-Tipp

Die Tage 16-19 gelten als "kritische Phase". Stress, Fütterungsfehler oder Infektionen können in dieser Zeit zu frühem embryonalem Verlust führen. Das Tier sollte ruhig gehalten und abrupte Rationsänderungen vermieden werden.

3. Trächtigkeit bei Schafen und Ziegen

3.1 Saisonale Fortpflanzung

Schafe und Ziegen sind kurztägige saisonal polyöstrische Tiere. In der nördlichen Hemisphäre liegt die Decksaison meist zwischen September und Februar. Melatonin reguliert in Abhängigkeit von der Tageslänge die GnRH-Ausschüttung (Chemineau et al., 2008).

Reproduktionsprofil des Schafes
  • Östruszyklus: 16-17 Tage
  • Östrusdauer: 24-36 Stunden
  • Ovulation: Am Ende des Östrus
  • Trächtigkeit: 144-152 Tage
  • Wurfgröße: 1-3 je nach Rasse
Reproduktionsprofil der Ziege
  • Östruszyklus: 18-22 Tage
  • Östrusdauer: 12-48 Stunden
  • Ovulation: In der Mitte des Östrus
  • Trächtigkeit: 145-155 Tage
  • Wurfgröße: 1-4 je nach Rasse

3.2 Mehrlingsgravidität und Fütterung

Mehrlingsgraviditäten sind bei Schafen und Ziegen häufig. Besonders in den letzten 6 Trächtigkeitswochen ist das Fütterungsmanagement entscheidend, da hier das Risiko einer Trächtigkeitstoxämie steigt. Rund 70% des fetalen Wachstums finden in dieser Endphase statt (Robinson et al., 2002).

Trächtigkeitstoxämie

Eine unzureichende Energieversorgung bei tragenden Schafen und Ziegen mit Zwillingen oder Drillingen kann in den letzten 6 Wochen zu Ketose und Hypoglykämie führen.

  • Risikofaktoren: Zwillings-/Drillingsgravidität, Adipositas, Unterversorgung
  • Symptome: Appetitlosigkeit, Depression, Blindheit, Gangstörungen
  • Vorbeugung: Energiedichte in den letzten 6 Wochen erhöhen (Propylenglykol, Getreide)

4. Vorbereitung auf die Geburt und Vorzeichen

4.1 Veränderungen vor der Geburt

ZeichenRindSchaf/ZiegePferd
Euterentwicklung2-4 Wochen vorher2-6 Wochen vorher2-4 Wochen vorher
Vulvaödem1-2 Wochen vorher1-2 Wochen vorher1-2 Wochen vorher
Lockerung der Beckenbänder12-24 Stunden vorher12-24 Stunden vorher24-48 Stunden vorher
Kolostrumaustritt24-48 Stunden vorher24-48 Stunden vorher"Waxing" 24-48 Stunden vorher
Abfall der Körpertemperatur0.5-1°C (12-24 Stunden vorher)0.5-1°C (12-24 Stunden vorher)Variabel
VerhaltensänderungUnruhe, IsolationNestbau, IsolationSchwitzen, Unruhe

4.2 Geburtsphasen

Phase 1: Vorbereitung

Dauer: 2-6 Stunden beim Rind, 2-12 Stunden beim Schaf

  • Zervixdilatation
  • Myometriumkontraktionen
  • Unruhe und Appetitverlust
  • Fruchtblase sichtbar
Phase 2: Fetalexpulsion

Dauer: 30-60 Min. beim Rind, 30-60 Min. beim Schaf

  • Aktives Pressen
  • Amnion sackt/reißt
  • Das Jungtier wird geboren
  • Bei Verzögerung an Dystokie denken
Phase 3: Nachgeburtsabgang

Dauer: 2-8 Stunden beim Rind, 1-3 Stunden beim Schaf

  • Plazenta wird ausgestoßen
  • Beim Rind >12 Stunden = Verdacht auf Plazentaretention
  • Beim Schaf nach 4 Stunden eingreifen
  • Infektionsrisiko

5. Dystokie und Intervention

5.1 Ursachen der Dystokie

Dystokie bedeutet, dass die Geburt nicht normal voranschreitet, und stellt sowohl für das Muttertier als auch für das Jungtier ein ernstes Risiko dar. Bei Rindern liegt die Inzidenz bei etwa 3-10% (Mee, 2008).

Maternale Ursachen
  • Enges Becken (Färsen, Erstkalbinnen)
  • Uterine Atonie bzw. Erschöpfung
  • Unzureichende Zervixdilatation
  • Uterustorsion
  • Hypokalzämie
Fetale Ursachen
  • Fetopelvine Missverhältnisse (großer Fetus)
  • Fehlstellung (Beckenendlage)
  • Fehlpräsentation (Kopf oder Gliedmaßen zurückgeschlagen)
  • Fetale Anomalien (Hydrozephalus, Anasarka)
  • Verknotete Zwillinge
Wann eingreifen?

Indikationen für eine Intervention in Phase 2:

  • Rind: Wenn 2 Stunden nach Sichtbarwerden der Fruchtblase keine Fortbewegung erfolgt
  • Schaf/Ziege: Wenn 1 Stunde nach Beginn des aktiven Pressens keine Fortbewegung erfolgt
  • Pferd: Wenn 20-30 Minuten nach Riss der Fruchtblase keine Fortbewegung erfolgt (NOTFALL)

6. Nachgeburtliche Versorgung

6.1 Versorgung des Neugeborenen

  • Atemwege freimachen: Schleim aus Nase und Maul entfernen
  • Nabelpflege: Mit 7% Jod desinfizieren
  • Trocknen: Ablecken durch die Mutter fördern oder mit einem Handtuch abtrocknen
  • Kolostrum: Sicherstellen, dass innerhalb der ersten 2-6 Stunden ausreichend Kolostrum aufgenommen wird
  • Mekonium: Kontrollieren, dass der erste Kot innerhalb von 24 Stunden abgesetzt wird
Kolostrum-Management

Kolostrum ist für das Neugeborene lebenswichtig. Weitere Hinweise und Berechnung:

Kolostrum-Rechner

7. Quellen

  • Chemineau, P., et al. (2008). Seasonality of reproduction in mammals. Animal Reproduction Science, 105(3-4), 229-243.
  • Dwyer, C. M., et al. (2016). Improving neonatal viability of lambs. Animal, 10(3), 356-366.
  • Mee, J. F. (2008). Prevalence and risk factors for dystocia in dairy cattle. The Veterinary Journal, 176(1), 93-101.
  • Norman, H. D., et al. (2009). Factors affecting gestation length in dairy cattle. Journal of Dairy Science, 92(5), 2259-2269.
  • Robinson, J. J., et al. (2002). Nutrition and pregnancy in sheep. Reproduction Supplement, 59, 113-126.
  • Spencer, T. E., et al. (2007). Conceptus signals for establishment of pregnancy. Animal Reproduction Science, 99(1-2), 1-16.
  • Wiltbank, M. C., et al. (2016). Pivotal periods for pregnancy loss during the first trimester of gestation in lactating dairy cows. Theriogenology, 86(1), 239-253.
Tags: Gebelik Doğum Sığır Koyun Keçi Distosi Progesteron

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