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Dieser Inhalt wurde von Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK auf Basis wissenschaftlicher Quellen erstellt.
Tiergesundheit

Augenerkrankungen bei Katzen und Hunden: Konjunktivitis, Uveitis und Störungen des Tränenkanals

Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK 07 März 2026 123 Aufrufe

Klinischer Leitfaden zu häufigen Augenerkrankungen bei Katze und Hund mit Konjunktivitis, Hornhauterkrankungen, Uveitis, Glaukom, trockenem Auge, Epiphora und Warnzeichen.


Augenerkrankungen gehören bei Katzen und Hunden zu den häufigen und oft zeitkritischen Problemen. Konjunktivitis, Hornhautulzera, Uveitis, Glaukom und Störungen des Tränennasenkanals zählen zu den wichtigsten okulären Erkrankungen. Eine verzögerte Behandlung kann zu dauerhaftem Sehverlust führen. Bei Katzen stehen herpesvirusbedingte Augenerkrankungen im Vordergrund, bei Hunden vor allem Keratokonjunktivitis sicca (KCS) und rassespezifische Augenprobleme. Dieser Artikel behandelt die häufigsten Augenerkrankungen bei Katze und Hund, Notfallsymptome, diagnostische Verfahren, Therapieansätze und Strategien zur ernährungsmedizinischen Unterstützung der Augengesundheit.

Augensymptome mit dringendem Handlungsbedarf
  • Plötzlicher Sehverlust, etwa Anstoßen an Möbel oder Unsicherheit auf Treppen
  • Blut im Auge (Hyphema) mit rot-schwarzer Erscheinung im Auge
  • Proptosis, wenn das Auge nach Trauma aus der Orbita hervortritt
  • Starke Schmerzen mit Blepharospasmus, Reiben des Gesichts oder Lichtscheu
  • Weißliche oder trübe Hornhaut bei Ödem oder Ulzeration
  • Vergrößerung des Augapfels, verdächtig auf Glaukom
  • Eitriger gelb-grüner Ausfluss als Hinweis auf bakterielle Infektion
  • Geschwollene Lider bei Allergie, Abszess oder Insektenstich

1. Augenanatomie: Grundlagen

Äußere Strukturen
  • Augenlider: Schutz und Verteilung des Tränenfilms; Ober- und Unterlid plus Nickhaut
  • Konjunktiva: Schleimhaut an Lidinnenseite und Sklera; entzündet sich mit Rötung
  • Hornhaut: Transparente, avaskuläre Vorderfläche; sehr empfindlich und ulkusgefährdet
  • Tränensystem: Tränenbildung in den Drüsen, anschließend Abfluss über den Tränennasenkanal
Innere Strukturen
  • Uvea: Iris, Ziliarkörper und Aderhaut; bei Uveitis betroffen
  • Linse: Fokussiert das Licht; Katarakt bedeutet Linsentrübung
  • Retina: Wahrnehmung des Lichtreizes; Degeneration kann zur Erblindung führen
  • Kammerwasser: Flüssigkeit der vorderen Augenkammer; Abflussstörung führt beim Glaukom zu Druckanstieg

2. Konjunktivitis

Merkmal Bei Katzen Bei Hunden
Häufigste Ursache FHV-1 (Felines Herpesvirus); außerdem Chlamydophila felis und Mycoplasma Allergien, sekundär bakterielle Infektionen, KCS-assoziierte Entzündung oder Reizstoffe wie Staub und Rauch
Klinische Zeichen Seröser bis mukopurulenter Ausfluss, Rötung, Chemosis, Blepharospasmus, Vorfall der Nickhaut Rötung, seröser oder mukopurulenter Ausfluss, Juckreiz und Augenreiben
Diagnostik Klinische Untersuchung; PCR auf FHV-1; PCR oder Kultur für Chlamydophila Klinische Untersuchung; Schirmer-Test zum Ausschluss von KCS; Zytologie; Allergieabklärung
Therapie Antivirale Therapie wie orales Famciclovir und topisches Idoxuridin oder Cidofovir; Antibiotika bei Chlamydophila wie Doxycyclin; L-Lysin bleibt umstritten Topische Antibiotika, Antihistaminika bei allergischen Fällen, Tränenersatzmittel und Cyclosporin bei KCS
FHV-1 bei Katzen: lebenslange Trägerschaft

Das feline Herpesvirus-1 ist die wichtigste virale Ursache für okuläre und obere Atemwegserkrankungen bei Katzen. Nach der akuten Phase verbleibt das Virus latent im Trigeminusganglion und kann bei Stress, Immunsuppression oder Begleiterkrankungen reaktiviert werden. Rezidivierende Konjunktivitis, dendritische Hornhautulzera, Hornhautsequester und Symblepharon sind typische Komplikationen. Eine vollständige Elimination ist nicht möglich; das Management beruht auf Stressreduktion und antiviraler Therapie.

3. Hornhauterkrankungen

3.1 Hornhautulkus

Oberflächliches Ulkus
  • Nur Epitheldefekt
  • Schmerzhaft mit Blepharospasmus und Tränenfluss
  • Fluoreszein-Test positiv
  • Heilt meist innerhalb von 5-7 Tagen
  • Topische Antibiotikaprophylaxe und Atropin
Tiefes Ulkus / Descemetozele
  • Stromabeteiligung bis zur Descemet-Membran
  • Notfall mit Perforationsrisiko
  • Oft Operation mit Bindehaut- oder Hornhauttransplantat nötig
  • Intensive topische Therapie erforderlich
  • Ein Halskragen ist unverzichtbar
Indolentes Ulkus
  • Typisch bei mittelalten Hunden, vor allem Boxer und Golden Retriever
  • Beruht auf einer epithelialen Haftungsstörung
  • Kann über Wochen bis Monate persistieren
  • Therapie oft mit Grid-Keratotomie oder Diamond-Burr-Debridement
  • Eine therapeutische Kontaktlinse kann hilfreich sein

3.2 Hornhautsequester (katzenspezifisch)

Der Hornhautsequester ist eine katzenspezifische Erkrankung mit braun-schwarzer Plaquebildung in der Hornhaut. Er steht in Zusammenhang mit FHV-1, Entropium und chronischer Reizung und tritt häufiger bei Perser- und Himalaya-Katzen auf. Die Behandlung besteht meist aus Keratektomie und Bindehauttransplantat. Rezidive sind möglich.

4. Uveitis

Merkmal Erläuterung
Definition Entzündung der Uvea mit Iris, Ziliarkörper und Aderhaut; am häufigsten als anteriore Uveitis
Klinische Zeichen Schmerz, Blepharospasmus, Photophobie, Miosis, Kammerwassertrübung, Rötung und niedriger Augeninnendruck
Häufige Ursachen bei Katzen FIP, FeLV/FIV, Toxoplasma, Lymphom, idiopathische Ursachen und linsenbedingte Entzündung
Häufige Ursachen bei Hunden Immunvermittelte Erkrankungen, Ehrlichiose, Leishmaniose, Lymphom, linseninduzierte Entzündung, Trauma und idiopathische Formen
Diagnostik Tonometrie mit niedrigem Druck, Spaltlampenuntersuchung, gezielte Serologie und okulärer Ultraschall
Therapie Topische Kortikosteroide oder NSAID, Atropin zur Zykloplegie und Schmerzlinderung sowie Behandlung der Grunderkrankung
Komplikationen Sekundärglaukom, Synechien, Katarakt, Netzhautablösung und Phthisis bulbi

5. Glaukom

Glaukom ist ein Notfall

Beim Glaukom führt ein erhöhter Augeninnendruck zu irreversiblen Schäden an Retina und Sehnerv. Im akuten Verlauf kann es innerhalb von 24-72 Stunden zu dauerhafter Blindheit kommen. Typische Zeichen sind starke Schmerzen, rote Augen, Hornhautödem, Mydriasis und Vergrößerung des Augapfels. Sofortige tierärztliche Abklärung ist notwendig.

Typ Mechanismus Häufig betroffene Arten / Rassen
Primäres Glaukom Genetisch bedingte Fehlbildung des Iridokornealwinkels mit gestörtem Abfluss Hunde wie Cocker Spaniel, Basset Hound, Siberian Husky, Shiba Inu und Shar Pei; bei Katzen selten
Sekundäres Glaukom Abflussbehinderung durch Uveitis, Linsenluxation, Hyphema oder Neoplasie Bei beiden Tierarten, bei Katzen am häufigsten

6. Trockenes Auge (KCS — Keratokonjunktivitis sicca)

Krankheitsbild
  • Definition: Unzureichende Tränenproduktion mit Austrocknung und Entzündung der Hornhaut
  • Ursachen: Meist immunvermittelte Zerstörung der Tränendrüse, außerdem Sulfonamid-Nebenwirkung, neurogene oder kongenitale Formen
  • Rasseprädisposition: Cocker Spaniel, Bulldog, West Highland White Terrier, Cavalier King Charles Spaniel, Pug und Shih Tzu
  • Bei Katzen: Selten, kann aber mit FHV-1 assoziiert sein
Diagnostik und Therapie
  • Diagnostik: Schirmer-Tränentest; normal >15 mm/min, KCS häufig <10 mm/min
  • Therapie:
    • Topisches Cyclosporin A (0,2-2%) zur Immunmodulation und Steigerung der Tränenproduktion
    • Topisches Tacrolimus (0,03%) bei unzureichendem Ansprechen auf Cyclosporin
    • Künstliche Tränen als Unterstützung, aber alleine meist nicht ausreichend
    • Topische Antibiotika bei sekundärer Infektion
  • Lebenslange Therapie ist meist erforderlich; Absetzen führt oft zum Rückfall

7. Probleme des Tränennasenkanals (Epiphora)

Zustand Erläuterung Häufig betroffene Rassen
Obstruktion des Tränennasenkanals Der Tränenabfluss ist gestört, was zu dauerhaftem Tränenfluss und braunen Verfärbungen unter dem Auge führt Brachycephale Hunde wie Pug, Bulldog und Shih Tzu sowie Perserkatzen
Kongenitale Atresie Der Kanal ist von Geburt an verengt oder verschlossen Brachycephale Rassen und Cocker Spaniel
Sekundäre Obstruktion Infektionen, Fremdkörper oder Tumoren blockieren den Kanal Alle Rassen
Therapie Spülung des Tränennasenkanals, selten operative Verfahren, plus tägliche Reinigung der Augenregion

8. Rassespezifische Augenerkrankungen

Hunderassen
  • Brachycephale Hunde (Pug, Bulldog, Shih Tzu): Proptoserisiko, Hornhautulzera, KCS, Entropium und Epiphora
  • Cocker Spaniel: KCS, Glaukom, Katarakt und Cherry Eye
  • Shar Pei: Schweres Entropium mit sekundären Hornhautschäden
  • Collie: Collie Eye Anomaly und retinale Dysplasie
  • Siberian Husky: Primäres Glaukom, Katarakt und Hornhautdystrophie
  • Labrador / Golden Retriever: Progressive Retinaatrophie und Katarakt
Katzenrassen
  • Perser / Himalaya: Epiphora, Hornhautsequester und Entropium aufgrund der brachycephalen Kopfform
  • Birman: Kongenitales Hornhautdermoid
  • Siam: Strabismus und Nystagmus, meist kongenital und oft klinisch wenig relevant
  • Abessinier: Progressive Retinaatrophie
  • Alle Katzen: FHV-1-assoziierte Augenerkrankungen sind besonders häufig

9. Katarakt und Netzhauterkrankungen

Erkrankung Definition Ursache Therapie
Katarakt Linsentrübung mit unscharfem Sehen bis hin zur Erblindung Erblich, diabetisch beim Hund, altersbedingt, traumatisch oder uveitisch Phakoemulsifikation ist die einzige definitive Therapie und erreicht bei erfahrenen Operateuren Erfolgsraten über 90%
PRA Progressive Retinaatrophie durch Degeneration der Photorezeptoren Genetisch bedingt, etwa bei Labrador, Cocker Spaniel, Zwergpudel und Abessinier Keine Heilung; fortschreitende Erblindung; Gentests helfen in der Zuchtlenkung
SARD Sudden Acquired Retinal Degeneration mit plötzlicher Erblindung Unbekannt; typischerweise bei mittelalten Hunden Keine wirksame Therapie; schlechte Prognose für Sehvermögen
Netzhautablösung Ablösung der Retina von ihrer Unterlage Hypertonie bei Katzen, Uveitis oder Neoplasie Behandlung der Grunderkrankung; bei Katzen ist die Blutdruckkontrolle mit Amlodipin zentral
Hypertensive Retinopathie bei Katzen

Bei älteren Katzen kann systemische Hypertonie, oft im Zusammenhang mit chronischer Nierenerkrankung oder Hyperthyreose, die retinalen Gefäße schädigen und zu Blutungen, Ödemen und Netzhautablösung führen. Plötzliche Erblindung kann das erste Symptom sein. Ein systolischer Blutdruck >160 mmHg ist bedenklich, und >180 mmHg erfordert rasches Eingreifen. Amlodipin ist das wichtigste Antihypertensivum bei der Katze.

10. Ernährung und Augengesundheit: Der VetKriter-Ansatz

VetKriter-Ernährungsprinzip

Die Augengesundheit hängt wesentlich vom antioxidativen Status und bestimmten Nährstoffen ab. Die Retina hat eine hohe Stoffwechselaktivität und ist anfällig für oxidativen Stress. Taurin ist bei Katzen essenziell, um retinale Degeneration zu verhindern, und DHA ist ein struktureller Baustein der Photorezeptoren.

Nährstoff Funktion für die Augengesundheit Hinweis
Taurin Unterstützt die Retina und schützt Photorezeptoren; Mangel führt zu feline central retinal degeneration (FCRD) Für Katzen essenziell; stammt aus tierischen Proteinquellen; AAFCO-Minima: 0,10% in Trockenfutter und 0,20% in Nassfutter
DHA (Omega-3) Wichtiger struktureller Bestandteil der Photorezeptormembran und der visuellen Entwicklung Häufig aus Fischöl; besonders in Wachstumsphasen relevant
Vitamin A / Beta-Carotin Unterstützt Rhodopsin, Nachtsehen und Hornhautgesundheit Katzen können Beta-Carotin nicht effizient in Vitamin A umwandeln und brauchen vorgeformtes Vitamin A
Vitamin E Antioxidativer Schutz gegen oxidativen Stress in der Retina Lieferbar über Tocopherole und pflanzliche Öle
Vitamin C Antioxidative Unterstützung für Kammerwasser und Linse Hund und Katze synthetisieren Vitamin C, doch in Stress oder Krankheit kann eine Ergänzung sinnvoll sein
Zink Kofaktor retinaler Enzyme und des Vitamin-A-Stoffwechsels Chelatierte Formen werden oft bevorzugt
Lutein / Zeaxanthin Antioxidative Pigmente mit Filterwirkung für blaues Licht In manchen Premiumfuttern, Eigelb und Blattgemüse enthalten
Selen Kofaktor der Glutathionperoxidase und wichtig für die antioxidative Netzhautabwehr Selenomethionin ist gebräuchlich; Überdosierung ist toxisch
Taurinmangel und Erblindung bei Katzen

Katzen können nicht genug Taurin selbst bilden und sind vollständig auf die Nahrung angewiesen. Taurinmangel, insbesondere bei Fütterung mit Hundefutter oder unausgewogenen hausgemachten Rationen, kann zu FCRD und irreversibler Blindheit führen. Auch dilatative Kardiomyopathie und Fortpflanzungsstörungen können auftreten. Ausgewogenes Katzenfutter enthält ausreichend Taurin; Hundefutter darf niemals die Hauptnahrung für Katzen sein.

11. Augenpflege und Monitoring zu Hause

Tägliche Pflege
  • Reinigung der Augenregion: Mit steriler Kochsalzlösung und weicher Gaze für Tränenflecken und Krusten
  • Brachycephale Rassen: Tägliche Kontrolle und Reinigung exponierter trockener Bereiche
  • Langhaarige Rassen: Haare kürzen, die das Auge berühren
  • Halskragen: Verhindert Selbsttrauma bei Augenerkrankungen
  • Medikamentengabe: Tropfen von unten, Salbe in den unteren Bindehautsack und immer mit sauberen Händen
Wann zum Tierarzt?
  • Wenn das Tier das Auge geschlossen hält
  • Wenn der Ausfluss eitrig wird
  • Wenn die Hornhaut trüb oder weiß erscheint
  • Wenn das Auge gerötet und geschwollen ist
  • Bei unterschiedlich großen Pupillen
  • Bei Anzeichen von Sehverlust
  • Bei jeder Augenproblematik, die länger als 48 Stunden anhält

12. Quellen

  1. Maggs DJ, Miller PE, Ofri R. Slatter's Fundamentals of Veterinary Ophthalmology. 6th Ed. Elsevier. 2018.
  2. Stiles J. Feline herpesvirus. Vet Clin North Am Small Anim Pract. 2014;44(6):1021-1039.
  3. Gelatt KN. Essentials of Veterinary Ophthalmology. 3rd Ed. Wiley-Blackwell. 2014.
  4. Peiffer RL, Petersen-Jones SM. Small Animal Ophthalmology: A Problem-Oriented Approach. 4th Ed. Saunders. 2009.
  5. Hayes KC, et al. Retinal degeneration associated with taurine deficiency in the cat. Science. 1975;188(4191):949-951.
  6. Syme HM. Hypertension in small animal kidney disease. Vet Clin North Am Small Anim Pract. 2011;41(1):63-89.
  7. WSAVA Global Nutrition Committee. Nutritional Assessment Guidelines. 2024.
Tags: auge Konjunktivit Üveit Glokom KCS Kornea Katarakt FHV-1 taurin Retina Katze hund

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