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Dieser Inhalt wurde von Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK auf Basis wissenschaftlicher Quellen erstellt.
Mastrinder

Bovine Respiratorische Erkrankung (BRD): Diagnose, Therapie und Prävention des Shipping Fever

Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK 18 Februar 2026 115 Aufrufe

Praxisleitfaden zu BRD mit Ätiologie, Shipping-Fever-Pathogenese, DART-Scoring, Therapieprotokollen, Metaphylaxe, BVDV-PI-Management und Herdenmonitoring.


Die Bovine Respiratorische Erkrankung (BRD) ist die Krankheitsgruppe mit der höchsten Morbidität und Mortalität in der Rindermast. Es handelt sich um ein multifaktorielles Syndrom, das durch das Zusammenspiel viraler und bakterieller Erreger, Umweltstress und Immunstatus des Tieres entsteht. Bei neu eingestallten Mastkälbern bezeichnet der Ausdruck Shipping Fever die akute stressassoziierte Pneumonie nach Transport und Durchmischung. Dieser Beitrag fasst Ätiologie, Pathogenese, Früherkennung, Therapie und Prävention auf Herdenebene zusammen.

Wirtschaftliche Bedeutung

BRD verursacht in der Mast massive wirtschaftliche Verluste. In Aufstallungsgruppen liegen Morbiditätsraten häufig bei 15-45%, Mortalitätsraten oft bei 1-5%. Betroffene Tiere zeigen geringere Tageszunahmen, schlechtere Futterverwertung und geringere Schlachtkörperqualität, während chronische Fälle den Ausstallungs- und Abgangsdruck deutlich erhöhen.

1. Ätiologie der BRD: das Krankheitsdreieck

BRD wird nicht durch einen einzelnen Erreger verursacht. Sie entsteht durch die Wechselwirkung von Wirt, Erreger und Umwelt. Stress schwächt die Immunität, Viren schädigen das Atemwegsepithel, und bakterielle Erreger etablieren Sekundärinfektionen.

Virale Erreger (primär)
  • BVDV: Immunsuppression; PI-Tiere sind dauerhafte Virusquellen
  • IBR (BHV-1): Nekrotische Schäden im oberen Respirationstrakt
  • BRSV: Erkrankung der tiefen Atemwege und Bronchiolitis
  • PI3: Mildere Primärschädigung, aber starker Synergist
  • BCoV: Respiratorische und enterale Beteiligung
Bakterielle Erreger (sekundär)
  • Mannheimia haemolytica: Am häufigsten, fibrinöse Pneumonie, Leukotoxin
  • Pasteurella multocida: Bronchopneumonie, oft milder
  • Histophilus somni: Septikämie, TME, Myokarditis
  • Mycoplasma bovis: Chronische Pneumonie, Arthritis, Otitis
  • Trueperella pyogenes: Chronische Abszessbildung
Stress- und Umweltfaktoren
  • Transportstress: Lange Wege, Hitze/Kälte, Futter- und Wassermangel
  • Durchmischung: Tiere aus verschiedenen Herkünften
  • Schlechte Lüftung: Staub, Ammoniak, stehende Luft
  • Überbelegung: Höherer Erregerdruck
  • Futterumstellung: Pansenstress und geringere Immunresistenz
  • Wetterwechsel: Große Temperaturdifferenzen zwischen Tag und Nacht

2. Pathogenese: Entstehung des Shipping Fever

Pathogenetische Kaskade der BRD
1. Stress

Transport und Durchmischung erhöhen Cortisol und schwächen die Immunität

2. Virusschädigung

BVDV, IBR und BRSV schädigen das Epithel und reduzieren die mukoziliäre Clearance

3. Bakterielle Kolonisation

Nasopharyngeale Keime wandern in die tiefen Atemwege

4. Pneumonie

Leukotoxine, fibrinöse Entzündung und Lungenkonsolidation entstehen

5. Komplikation

Pleuritis, Abszesse, chronische Schäden oder Tod

6. Wirtschaftsverlust

Geringere TZ, schlechtere FCR, höhere Kosten und schlechtere Schlachtkörper

3. Klinische Befunde und Früherkennung

3.1 Klinische Symptomatik

StadiumHauptbefundeRektaltemperaturPrognose
Früh (1-2 Tage)Leichte Depression, verminderte Futteraufnahme, seröser Nasenausfluss, leichter Husten39,5-40,5°CGut bei früher Therapie
Mittel (3-5 Tage)Ausgeprägte Depression, mukopurulenter Ausfluss, häufiger Husten, erschwerte Atmung, Augenausfluss40,5-41,5°CVerhalten vorsichtig günstig
Fortgeschritten (>5 Tage)Schwere Dyspnoe, Maulatmung, eitriger Ausfluss, Ödeme, Festliegen>41,5°C oder niedrig bei septischem SchockSchlecht
ChronischChronischer Husten, schlechtes Gedeihen, stumpfes Haarkleid, MinderleistungNormal oder leicht erhöhtAusstallung kann nötig werden

3.2 DART-Scoring-System

Für die Früherkennung ist eine konsequente tägliche Beobachtung entscheidend. Das DART-System bewertet Depression, Appetite, Respiration und Temperature und ist im Aufstallungsmanagement praxisnah einsetzbar.

DART-Scoring
Parameter0 (Normal)1 (Leicht)2 (Mittel)3 (Schwer)
DepressionWach und aktivLeicht mattDeutlich matt, Kopf gesenktFestliegen oder kaum aufstehfähig
AppetitNormale AufnahmeVermindertSehr geringe AufnahmeFutterverweigerung
AtmungNormalLeicht erhöht, gelegentlicher HustenDeutlich erhöht, abdominale AtmungAusgeprägte Dyspnoe oder Maulatmung
Temperatur<39,5°C39,5-40,0°C40,0-41,0°C>41,0°C

Gesamtwert ≥4: Behandlung starten | Wert ≥7: aggressive Therapie plus Isolation

4. Therapieprotokolle

4.1 Antimikrobielle Therapie

Die Auswahl des Antibiotikums sollte sich nach Erregerspektrum, Gewebegängigkeit, Wirkungsdauer und Praktikabilität richten. Die Behandlung muss möglichst früh beginnen, da Verzögerungen die Heilungschancen verschlechtern und chronische Lungenschäden begünstigen.

AntibiotikumDosis und ApplikationHauptspektrumWartezeitPraktischer Hinweis
TulathromycinEinmalige SC-GabeM. haemolytica, P. multocida, H. somni, oft auch MycoplasmaNach ZulassungLangwirksames Makrolid, auch für Metaphylaxe
FlorfenicolIM-Mehrfachschema oder hochdosiert SCBreites bakterielles BRD-SpektrumNach ZulassungGute Lungengewebspenetration
EnrofloxacinEinmalige SC-Protokolle, wo zugelassenBreitspektrum auch für schwierigere FälleNach ZulassungAntibiotic Stewardship beachten
TildipirosinEinmalige SC-GabeM. haemolytica, P. multocida, H. somniNach ZulassungModernes Makrolid
OxytetracyclinWiederholte LangzeitprotokolleBreitspektrumNach ZulassungÖkonomisch, aber nicht immer die stärkste Option
CeftiofurEinmal- oder Wiederholungsprotokolle nach ZulassungM. haemolytica, P. multocida, H. somniNach ZulassungIn ausgewählten Fällen wertvoll

4.2 Unterstützende Therapie

Unterstützendes Behandlungsprotokoll
  • NSAIDs: Nützlich gegen Fieber, Schmerz und Lungenentzündung
  • Flüssigkeitstherapie: Oral oder IV bei Dehydratation
  • Isolation: Kranke Tiere separieren, um Erregerdruck und Stress zu senken
  • Komfort: Trockene Einstreu, gute Luftqualität und leichter Zugang zu Wasser
  • Fütterung: Hochwertiges Raufutter und ausreichender Wasserzugang, Rationsanpassung nach Futteraufnahme

4.3 Therapieansprechen und Nachbehandlung

Protokoll zur Therapiekontrolle
  • 48-72 Stunden: Nachkontrolle nach der ersten Behandlung
  • Besserungszeichen: Sinkende Temperatur, besserer Appetit, ruhigere Atmung
  • Keine Reaktion: Anderen Wirkstofftyp statt Wiederholung desselben Ansatzes wählen
  • Dritte Behandlung nötig: Hohes Risiko für chronische BRD
  • Chronische BRD: Abszessierung oder Pleuritis können eine Ausstallung sinnvoll machen
  • Dokumentation: Behandlung, Dosis und Reaktion genau festhalten

5. Präventionsstrategien

5.1 Impfprogramm

ImpfgruppeZeitpunktTypWichtiger Hinweis
IBR + PI3 + BVDV + BRSVIdeal vor Ankunft oder je nach Risiko bei AnkunftMLV oder inaktiviertMLV kann schneller schützen, erfordert aber sorgfältigen Einsatz
Mannheimia + PasteurellaOft bei AnkunftBakterin oder ToxoidLeukotoxinhaltige Produkte können Vorteile bieten
Histophilus somniBei Ankunft in HochrisikosystemenBakterinNützlich bei passender Herdengeschichte
Mycoplasma bovisEinzelfallabhängigBakterinWirksamkeit bleibt umstritten
AuffrischungMeist 2-4 Wochen späterFür Primärimmunität häufig wichtig

5.2 Metaphylaxe

Metaphylaxe bedeutet die antimikrobielle Behandlung klinisch noch unauffälliger Hochrisikotiere bei Ankunft. In echten Hochrisikogruppen kann sie Morbidität und Mortalität deutlich senken. Sie sollte jedoch nur bei klarer Indikation eingesetzt werden.

Wann Metaphylaxe sinnvoll ist
  • Hochrisikogruppen: Mehrere Herkünfte, lange Transporte, unklare Impfgeschichte, leichte Kälber
  • Typische Protokolle: Langwirksame Makrolide wie Tulathromycin oder Tildipirosin bei Ankunft
  • Vorsicht: Antibiotic Stewardship beachten; nur bei echter Indikation
  • Alternative: Bei niedrigerem Risiko können Impfung und gutes Management ausreichen

5.3 Umwelt- und Managementstrategien

Haltung und Lüftung
  • Luftvolumen: Ausreichendes Raumvolumen pro Tier
  • Luftwechsel: Frischluft ohne Zugluft sicherstellen
  • Ammoniak: Niedrige Werte anstreben
  • Staub: Bei Fütterung und Einstreu minimieren
  • Einstreu: Trocken halten und regelmäßig erneuern
  • Besatzdichte: Überbelegung in Aufstallungsgruppen vermeiden
Transport- und Ankunftsmanagement
  • Transportdauer: Längere Transporte erhöhen das Risiko deutlich
  • Beladedichte: Überbelegung im Transport vermeiden
  • Ankunft: Sofort Wasser und gutes Heu anbieten
  • Ruhephase: 24-48 Stunden vor aggressiven Futterumstellungen
  • Herkunftstrennung: Unnötige Durchmischung begrenzen
  • BVDV-PI-Screening: PI-Tiere wenn möglich sofort identifizieren und entfernen

6. BVDV und persistente Infektion (PI)

PI-Tiere: stille Superspreader

Kälber, die intrauterin mit BVDV infiziert wurden, können persistent infiziert (PI) geboren werden und lebenslang Virus ausscheiden. Schon ein einziges PI-Tier kann eine Aufstallungsgruppe destabilisieren und größere BRD-Probleme auslösen. Ohrstanz-Antigentests bei Ankunft sind ein praktischer Weg, diese Tiere zu erkennen und aus der Gruppe zu nehmen.

7. Langfristige Leistungseffekte der BRD

ParameterKeine BRDEine EpisodeZwei oder mehr Episoden
TageszunahmeReferenzGeringerDeutlich geringer
FCRReferenzSchlechterDeutlich schlechter
SchlachtkörpergewichtReferenzNiedrigerWeiter reduziert
SchlachtkörperqualitätReferenzSchlechterDeutlich schlechter
Abgang aus der GruppeNiedrigHöherAm höchsten

8. Überwachung auf Herdenebene

ParameterZielAlarmgrenzeMonitoring
BRD-Morbidität in der AufstallungNiedrig haltenSteigender täglicher BehandlungsbedarfTägliche Beobachtung und DART
BRD-MortalitätSehr niedrigSteigende LetalitätKumulative Todesfälle
Erfolg der ErstbehandlungHochSchlechtes ReansprechenTherapiedokumentation
Chronische BRD-RateNiedrigViele Tiere mit dritter BehandlungTiere mit Wiederholungsbehandlung markieren
FallsterblichkeitNiedrigMehr Todesfälle unter behandelten TierenTote ÷ behandelte Tiere
Lungenläsionen am SchlachthofGeringe PrävalenzHäufige LäsionsmeldungenSchlachthof-Feedback und Lungenscoring

9. Literatur

  • Apley, M. (2006). Bovine respiratory disease: Pathogenesis, clinical signs, and treatment in lightweight calves. Veterinary Clinics of North America: Food Animal Practice, 22(2), 399-411.
  • Cusack, P. M. V., et al. (2003). The medicine and epidemiology of bovine respiratory disease in feedlots. Australian Veterinary Journal, 81(8), 480-487.
  • Griffin, D., et al. (2010). Bacterial pathogens of the bovine respiratory disease complex. Veterinary Clinics of North America: Food Animal Practice, 26(2), 381-394.
  • Hessman, B. E., et al. (2009). Interaction between bovine viral diarrhea virus and bovine respiratory disease in feedlot cattle. The Bovine Practitioner, 43(2), 146-153.
  • Nickell, J. S., & White, B. J. (2010). Metaphylactic antimicrobial therapy for bovine respiratory disease in stocker and feedlot cattle. Veterinary Clinics of North America: Food Animal Practice, 26(2), 285-301.
  • Snowder, G. D., et al. (2006). Bovine respiratory disease in feedlot cattle: Environmental, genetic, and economic factors. Journal of Animal Science, 84(8), 1999-2008.
Tags: BRD Shipping Fever Solunum Hastalığı Mannheimia BVDV Pnömoni Metaphylaxis Aşılama

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