Ökonomische Realität
In der Rindermast entfallen 65-75 % der Gesamtkosten auf die Fütterung. Bereits eine Verbesserung der Futterverwertung (FCR) um 0,5 Punkte kann über eine Mastdauer von 300 Tagen einen deutlichen wirtschaftlichen Vorteil schaffen.
VetKriter Rationsrechner für Mastbullen
Berechnen Sie Energie-, Protein- und Mineralstoffbedarf je nach Mastphase und Lebendgewicht Ihrer Tiere.
Ration berechnen1. Definition der Mastphasen und ihre physiologischen Grundlagen
Der Mastverlauf lässt sich entsprechend der physiologischen Entwicklungsphase des Tieres und der Priorität der Gewebeeinlagerung in drei Hauptphasen gliedern. Das Verständnis dieser Phasen ist die Grundlage einer belastbaren Rationsgestaltung. Das von Owens et al. (1995) beschriebene Wachstumskurvenmodell zeigt, dass die Gewebeeinlagerung in der Reihenfolge Knochen → Muskel → Fett verläuft.
- Ziel: Rumenanpassung und Stresskontrolle
- TM-Aufnahme: 1,5-2,0 % des Körpergewichts
- Kraftfutteranteil: 30-50 % mit schrittweiser Steigerung
- Ziel-TZG: 0,5-1,0 kg/Tag
- Kritische Risiken: BRD, Azidose, Tympanie
- Vorherrschende Gewebeeinlagerung: Knochen > Muskel
- Ziel: Skelett- und Muskelentwicklung
- TM-Aufnahme: 2,2-2,8 % des Körpergewichts
- Kraftfutteranteil: 55-70 %
- Ziel-TZG: 1,2-1,6 kg/Tag
- Proteinbedarf: Höchster Wert im gesamten Programm
- Vorherrschende Gewebeeinlagerung: Muskel > Knochen > Fett
- Ziel: Fettansatz und Schlachtkörperqualität
- TM-Aufnahme: 2,0-2,5 % des Körpergewichts
- Kraftfutteranteil: 75-90 %
- Ziel-TZG: 1,4-1,8 kg/Tag
- Energiebedarf: Höchster Bedarf der gesamten Mast
- Vorherrschende Gewebeeinlagerung: Fett > Muskel
1.1 Physiologie der Gewebeeinlagerung und Energieverteilung
Das Wachstum beim Rind wird durch das Zusammenspiel von genetischem Potenzial und Nährstoffversorgung geprägt. Zu Beginn der Mast wird Energie vor allem für die Proteindeposition (Muskelaufbau) genutzt; später wird sie zunehmend in die Lipogenese (Fetteinlagerung) umgelenkt. Dieser physiologische Übergang ist die wissenschaftliche Grundlage dafür, Energie- und Proteindichte der Ration phasenabhängig anzupassen (NRC, 2000; NASEM, 2016).
Effizienz der Energienutzung (NASEM, 2016)
| Gewebetyp | Energiegehalt (Mcal/kg) | Syntheseeffizienz | Bedeutung je Mastphase |
|---|---|---|---|
| Muskel (Protein) | 5,7 Mcal/kg Protein | 20-30 % (niedrig) | Vor allem frühe bis mittlere Mastphase |
| Fett (Lipid) | 9,4 Mcal/kg Fett | 60-75 % (hoch) | Vor allem späte Mastphase |
| Knochen | Niedrig | Variabel | Sehr frühe Wachstumsphase |
Die Fettsynthese ist energetisch effizienter als die Proteinsynthese. Deshalb verbessert sich die FCR in der Endmast oft, während sich die Zusammensetzung des Zuwachses in Richtung Fettansatz verschiebt.
2. Fütterung in der Anpassungsphase (0-28 Tage)
Die Anpassungsphase legt den Grundstein für den Erfolg der gesamten Mast. Fehler in diesem Zeitraum können den gesamten weiteren Verlauf beeinträchtigen. Neu eingestallte Tiere stehen unter Transportstress, Umweltwechsel und sozialem Stress. Das Risiko für respiratorische Erkrankungskomplexe (BRD) ist in dieser Phase am höchsten (Duff & Galyean, 2007).
2.1 Rationsstrategie in der Anpassungsphase
Goldene Regel: Langsame Umstellung
Der Kraftfutteranteil sollte pro Woche nicht um mehr als 10-15 Prozentpunkte erhöht werden. Zu abrupte Steigerungen können Pansenazidose, Futterverweigerung und sogar Verluste verursachen. Die Anpassungsphase sollte mindestens 21-28 Tage dauern und idealerweise als 4-stufiges Rationsprogramm geführt werden.
| Stufe | Tage | Kraftfutter (% TM) | Raufutter (% TM) | NEm (Mcal/kg) | RP (% TM) |
|---|---|---|---|---|---|
| Stufe 1 | 1-7 | 30-35 | 65-70 | 1,40-1,50 | 13-14 |
| Stufe 2 | 8-14 | 45-50 | 50-55 | 1,55-1,65 | 13-14 |
| Stufe 3 | 15-21 | 60-65 | 35-40 | 1,70-1,80 | 12-13 |
| Stufe 4 | 22-28 | 70-75 | 25-30 | 1,85-1,95 | 12-13 |
2.2 Kritische Managementpunkte in der Anpassungsphase
Gesundheitsmanagement
- BRD-Prophylaxe: Einstallungsimpfung gegen IBR, BVD, PI3, BRSV, Mannheimia und Pasteurella, wenn betrieblich angezeigt
- Parasitenkontrolle: Breitspektrum-Antiparasitika wie Ivermectin oder Doramectin
- Metaphylaxe: Antibiotikastrategien bei Hochrisikogruppen nur nach Risikobewertung
- Tägliche Beobachtung: Nasenausfluss, Husten, Fressunlust, Apathie
- Rektaltemperatur: ≥40 °C sollte das Behandlungsprotokoll auslösen
Wasser- und Futterzugang
- Wasser: Sofortiger Zugang zu sauberem Trinkwasser nach Ankunft
- Erstes Futter: Hochwertiges Heu, z. B. Luzerne- oder Grasheu
- Kraftfutterstart: Ab Tag 2 oder 3 schrittweise einführen
- Fressplatzbreite: Mindestens 45-60 cm pro Tier
- Tränkestellen: Eine Tränkestelle pro 15-20 Tiere
Anpassung der Pansenmikrobiota
Bei zuvor raufutterbetonten Rationen dominieren im Pansen vor allem zellulolytische Bakterien wie Fibrobacter und Ruminococcus. Mit dem Übergang auf kraftfutterreiche Rationen vermehren sich amylolytische Bakterien wie Streptococcus bovis und Lactobacillus, und die Laktatbildung steigt. Die Resorptionskapazität der Pansenpapillen für flüchtige Fettsäuren verbessert sich jedoch erst innerhalb von 4-6 Wochen. Eine zu frühe Hochkonzentratfütterung kann deshalb akute oder subakute Pansenazidose auslösen (Nagaraja & Titgemeyer, 2007).
3. Fütterung in der Aufzuchtphase (29-120 Tage)
Die Aufzuchtphase ist der Zeitraum, in dem die Skelettentwicklung weitgehend abgeschlossen wird und die Muskeldeposition ihren Höhepunkt erreicht. In dieser Phase sind Proteinqualität und Proteinmenge besonders wichtig, weil der Muskelaufbau eine ausreichende und ausgewogene Versorgung mit Aminosäuren erfordert. Ein Energiemangel begrenzt den Muskelzuwachs, während eine überhöhte Energiedichte zu vorzeitiger Verfettung und geringerer Schlachtkörperqualität führen kann (Owens et al., 1995).
3.1 Nährstoffbedarf in der Aufzuchtphase
| Parameter | Zielwert (NASEM, 2016) | Erläuterung |
|---|---|---|
| NEm | 1,80-2,00 Mcal/kg TM | Mittlere bis hohe Energiedichte |
| NEg | 1,15-1,35 Mcal/kg TM | Nettoenergie für Wachstum |
| RP | 12,5-14,0 % TM | Ausreichendes Protein für Muskelentwicklung |
| MP (metabolisierbares Protein) | 800-1000 g/Tag | Das Verhältnis RDP:RUP ist entscheidend |
| RDP | 60-65 % des Rohproteins | Unterstützt die mikrobielle Proteinsynthese im Pansen |
| RUP | 35-40 % des Rohproteins | Bypass-Protein ist bei jungen Tieren besonders relevant |
| NDF | 18-25 % TM | Minimale effektive Faser für die Pansenfunktion |
| Ca | 0,50-0,70 % TM | Wichtig für die Skelettentwicklung |
| P | 0,30-0,40 % TM | Zielwert für Ca:P = 1,5-2,0:1 |
3.2 Proteinquellen und Proteinqualität
In der Aufzuchtphase beeinflusst die Proteinqualität den Magerzuwachs direkt. Junge Masttiere haben einen hohen Bedarf an metabolisierbarem Protein (MP), und die Aminosäurenbilanz gewinnt an Bedeutung. Lysin und Methionin gehören unter Praxisbedingungen häufig zu den limitierenden Aminosäuren (Klemesrud et al., 2000).
- Sojaextraktionsschrot (48 % RP): Referenzproteinquelle mit hohem ruminal abbaubarem Protein
- Baumwollsaatextraktionsschrot: Mittlere Qualität; Gossypol im Blick behalten
- Sonnenblumenextraktionsschrot: Gute Aminosäurenstruktur
- DDGS: Hoher RUP-Anteil, liefert Energie und Protein
- Blutmehl: Sehr hoher RUP-Anteil, starke Lysinquelle
- Fischmehl: Hochwertig und methioninreich
- Harnstoff: Sollte 1 % der Gesamtration auf TM-Basis nicht überschreiten
- Obergrenze: Höchstens 30 % des gesamten N dürfen aus NPN stammen
- Voraussetzung: Es muss ausreichend fermentierbare Energie vorhanden sein
- Vorsicht: In der Anpassungsphase keinen Harnstoff einsetzen
- Toxizitätsrisiko: >0,5 g/kg Körpergewicht können zur Ammoniakvergiftung führen
- Langsam freisetzender Harnstoff: In manchen Endmastsystemen die sicherere Alternative
4. Fütterung in der Endmastphase (ab Tag 121)
Die Endmast ist die letzte Phase, in der der Fettansatz beschleunigt wird und die Schlachtkörperqualität weitgehend festgelegt wird. In diesem Abschnitt wird die Energiedichte der Ration auf ihr Maximum angehoben, während der Proteingehalt relativ reduziert wird. Ziel ist es, die intramuskuläre Fetteinlagerung (Marbling) zu erhöhen und damit die Handelsklasse des Schlachtkörpers zu verbessern (Owens & Gardner, 2000).
4.1 Nährstoffbedarf in der Endmastphase
| Parameter | Zielwert | Erläuterung |
|---|---|---|
| NEm | 2,05-2,20 Mcal/kg TM | Hohe Energiedichte |
| NEg | 1,35-1,55 Mcal/kg TM | Hohe Nettoenergie für den Fettansatz |
| RP | 11,5-13,0 % TM | Relativer Proteinbedarf sinkt |
| NDF | 12-18 % TM (Minimum) | Kritische Untergrenze für die Pansengesundheit |
| Kraftfutteranteil | 75-90 % TM | Getreidereiche, energiedichte Fütterung |
| Fett | 3-6 % TM gesamt | Kann über DDGS oder Fettzusätze gestützt werden |
| Ca | 0,50-0,70 % TM | Bei getreidereichen Rationen Ca:P eng überwachen |
| K | 0,60-0,70 % TM | Kann bei hochkonzentrierten Rationen knapp werden |
4.2 Getreideaufbereitung und Stärkedigestibilität
In der Endmast macht Getreide häufig 60-75 % der Ration aus. Die Art der Getreideaufbereitung beeinflusst die Stärkeverdaulichkeit und damit den energetischen Wert der Ration unmittelbar. Owens et al. (1997) zeigten, dass das Dampfflockieren die Stärkeverdaulichkeit von Mais um 15-20 % steigern kann.
| Verfahren der Getreideaufbereitung | Stärkeverdaulichkeit | Einfluss auf die FCR | Azidoserisiko |
|---|---|---|---|
| Ganzkorn | 70-80 % | Referenz | Niedrig |
| Trocken walzen/brechen | 80-88 % | 3-5 % Verbesserung | Mittel |
| Fein mahlen | 88-95 % | 5-8 % Verbesserung | Hoch |
| Dampfflockierung | 92-98 % | 8-12 % Verbesserung | Mittel bis niedrig |
| Feuchtkonserviertes Korn | 90-96 % | 6-10 % Verbesserung | Mittel bis hoch |
Getreideauswahl unter türkischen Bedingungen
In türkischen Mastsystemen sind Gerste und Weizen die häufigsten Getreidequellen. Gerste fermentiert langsamer als Mais und ist deshalb meist mit einem geringeren Azidoserisiko verbunden. Weizen fermentiert hingegen sehr schnell und trägt ein hohes Azidoserisiko; er sollte in der Regel unter 40 % der Ration bleiben und nur gequetscht oder grob geschrotet eingesetzt werden. Wird Mais verwendet, reicht Walzen oder grobes Brechen meist aus; zu feines Vermahlen erhöht das Azidoserisiko.
5. Futterverwertung (FCR) und Optimierung
Die FCR (Feed Conversion Ratio) beschreibt die Futtermenge, die für 1 kg Lebendmassezuwachs benötigt wird, und ist eine der wichtigsten Kennzahlen der Mastökonomie. Eine niedrigere FCR bedeutet eine höhere biologische und wirtschaftliche Effizienz.
Berechnung der FCR
FCR = Gesamtfutteraufnahme (kg TM) ÷ Gesamtlebendmassezuwachs (kg)
Beispiel: Verbraucht ein Masttier in 300 Tagen 2400 kg TM und nimmt 450 kg Lebendgewicht zu, ergibt sich eine FCR von 2400/450 = 5,33.
| Mastphase | Ziel-FCR | Ziel-TZG (kg/Tag) | Wichtige Einflussfaktoren |
|---|---|---|---|
| Anpassung | 7,0-9,0 | 0,5-1,0 | Stress, geringe TM-Aufnahme, Krankheit |
| Aufzucht | 5,5-7,0 | 1,2-1,6 | Proteinqualität, Energiedichte |
| Endmast | 5,0-6,5 | 1,4-1,8 | Energiedichte, Rasse, Geschlecht |
| Gesamte Mast | 5,5-7,0 | 1,2-1,5 (im Mittel) | Rasse, Anfangsgewicht, Mastdauer |
5.1 Faktoren, die die FCR beeinflussen
- Ionophoreinsatz: Monensin kann die FCR um 5-8 % verbessern
- Getreideaufbereitung: Dampfflockierung kann die FCR um 8-12 % senken
- Genetische Selektion: Tiere mit niedriger Residual Feed Intake (RFI)
- Optimale Proteinversorgung: MP-Bedarf wird konsequent gedeckt
- Gesundheitsmanagement: BRD kann die FCR um 15-20 % verschlechtern
- Umweltkomfort: Kontrolle von THI und Hitzelast
- Krankheiten: BRD, Azidose, Lahmheit
- Hitzestress: THI >74 senkt die TM-Aufnahme und verschlechtert die FCR
- Kältestress: <−10 °C erhöht den Erhaltungsbedarf
- Zu lange Mastdauer: Späte Verfettung verschlechtert die Effizienz
- Unzureichende Wasserversorgung: TM-Aufnahme und Tageszunahmen gehen zurück
- Sozialer Stress: Überbelegung und häufiges Umstallen
- Fleischrassen: Angus, Hereford erreichen häufig FCR-Werte von 5,0-6,0
- Zweinutzungsrassen: Simmental häufig 5,5-6,5
- Milchrassen: Holstein häufig 6,5-8,0
- Unkastrierte männliche Tiere: Meist 10-15 % effizienter
- Ochsen: Häufig bessere Marmorierung
- Färsen: Tendenziell höchste FCR und frühere Verfettung
6. Futterzusatzstoffe und wachstumsunterstützende Strategien
6.1 Ionophore
Ionophore wie Monensin und Lasalocid sind antibiotikaähnliche Zusatzstoffe, die die Pansenfermentation so verändern, dass mehr Propionat gebildet und Methanverluste reduziert werden. Sie gehören zu den am häufigsten eingesetzten Zusatzstoffen in der kommerziellen Rindermast (Duffield et al., 2012).
| Ionophor | Dosis | Wirkmechanismus | Erwarteter Effekt |
|---|---|---|---|
| Monensin (Rumensin®) | 25-33 mg/kg TM (200-360 mg/Tier/Tag) | Hemmung Gram-positiver Bakterien → Propionat ↑, Acetat ↓, Methan ↓ | FCR ↓ um 5-8 %, geringeres Azidose- und Tympanierisiko |
| Lasalocid (Bovatec®) | 25-33 mg/kg TM | Monensin-ähnlich, etwas breiteres Wirkungsspektrum | FCR ↓ um 4-6 %, meist geringerer Einfluss auf die TM-Aufnahme |
6.2 Weitere Zusatzstoffe
| Zusatzstoff | Dosis | Hauptwirkung | Evidenzlage |
|---|---|---|---|
| Lebendhefe (S. cerevisiae) | 1-5 × 10⁹ KBE/Tag | Stabilisiert den Pansen-pH und kann die Faserverdauung verbessern | Stark, besonders in der Anpassungsphase |
| Natriumbicarbonat | 0,5-1,0 % TM (50-100 g/Tag) | Pansenpufferung, Vorbeugung gegen SARA | Stark |
| Tylosinphosphat | 8-10 g/Tonne Futter | Hilft, das Auftreten von Leberabszessen zu senken | Stark bei hochkonzentrierten Rationen |
| β-Agonisten (Zilpaterol, Ractopamin) | Je nach Land unterschiedlich | Muskelansatz ↑, Fettansatz ↓ | Stark, aber in der Türkei nicht zulässig |
| Ätherische Öle | Produktabhängig | Antimikrobielle Effekte und Modulation der Pansenfermentation | Mittel; als Antibiotika-Alternative untersucht |
| Tannine | 1-3 % TM | Proteinschutz, Methan ↓, antiparasitäre Unterstützung | Mittel bis stark |
Rechtlicher Status in der Türkei
In der Türkei sind β-Agonisten wie Zilpaterol und Ractopamin sowie hormonelle Wachstumsförderer verboten. Ionophore wie Monensin und Lasalocid dürfen unter tierärztlicher Verschreibung verwendet werden. Antibiotische Leistungsförderer wurden analog zur EU-Gesetzgebung verboten. Lebendhefen, Puffer und ätherische Öle können im Rahmen der jeweiligen Produktzulassung freier eingesetzt werden.
7. Management metabolischer Risiken
7.1 Pansenazidose
Die Pansenazidose gehört zu den häufigsten und kostspieligsten Stoffwechselstörungen in der Rindermast. Sie ist durch einen Abfall des Pansen-pH infolge rascher Fermentation hochkonzentrierter Rationen gekennzeichnet (Nagaraja & Lechtenberg, 2007).
- Pansen-pH: <5,0
- Ursache: Plötzliche hohe Getreideaufnahme
- Klinische Zeichen: Inappetenz, Durchfall, Dehydratation, Schock
- Komplikationen: Laminitis, Leberabszesse, Rumenitis
- Mortalität: Häufig 5-10 %, ohne Behandlung höher
- Therapie: Pansenspülung, i.v.-Flüssigkeit, Bicarbonat und intensive Stabilisierung
- Pansen-pH: 5,0-5,5 über mehr als 3 Stunden pro Tag
- Ursache: Chronisch kraftfutterreiche Rationen mit unzureichender effektiver Faser
- Klinische Zeichen: Schwankende Futteraufnahme, weicher Kot, Lahmheit
- Komplikationen: Leberabszesse und Laminitis sind häufig
- Ökonomischer Schaden: TZG ↓ um 10-15 %, FCR-Verschlechterung um 10-20 %
- Vorbeugung: Effektive Faser, Puffer und Ionophore
7.2 Leberabszesse
Leberabszesse treten bei hochkonzentriert gefütterten Masttieren mit einer Prävalenz von 15-30 % auf. Der typische pathophysiologische Ablauf lautet Rumenitis → portale Bakteriämie → hepatische Abszessbildung. Fusobacterium necrophorum und Trueperella pyogenes werden am häufigsten isoliert (Nagaraja & Chengappa, 1998).
Strategien zur Vorbeugung von Leberabszessen
- Ausreichend effektive NDF: Mindestens 8-10 % physikalisch wirksame NDF
- Tylosinphosphat: 8-10 g/Tonne Futter, soweit zulässig und verschrieben
- Schrittweise Rationsumstellung: Strikte Einhaltung des Step-up-Programms
- Ionophore: Zusätzliche Unterstützung der pH-Stabilität im Pansen
- Fütterungsmanagement: Mindestens zweimal tägliche, zeitlich konstante Vorlage
7.3 Tympanie
Notfall: Feedlot-Tympanie
Schaumige Tympanie kann in kraftfutterreichen Mastsystemen auftreten.
- Ursache: Fein vermahlenes Getreide, zu wenig Raufutter und stabile Schaumbildung im Panseninhalt
- Akutbehandlung: Orales Poloxalen (25-50 g), Trokarisierung nur im lebensbedrohlichen Notfall
- Vorbeugung: Poloxalen (Bloat Guard®) 1-2 g/Tier/Tag, ausreichend Raufutter und Unterstützung durch Ionophore
- Partikellänge des Raufutters: >2,5 cm; zu fein gehäckseltes Raufutter schützt nicht ausreichend
8. Praktische Rationsbeispiele für die Mast
8.1 Ration für die Anpassungsphase (300 kg Mastkalb, Stufe 2)
| Futtermittel | Menge (kg TM/Tag) | Anteil (% TM) |
|---|---|---|
| Maissilage | 2,5 | 36 |
| Heu (Gras oder Luzerne) | 1,0 | 14 |
| Gerste, gebrochen | 2,0 | 29 |
| Sojaextraktionsschrot | 0,8 | 11 |
| Melasse | 0,2 | 3 |
| Vitamin-Mineral-Premix | 0,15 | 2 |
| Natriumbicarbonat | 0,05 | 0,7 |
| GESAMT | ~7,0 kg TM |
NEm: ~1,60 Mcal/kg TM | RP: ~13,5 % | NDF: ~32 % | Kraftfutter: ~45 %
8.2 Ration für die Endmast (450 kg Masttier)
| Futtermittel | Menge (kg TM/Tag) | Anteil (% TM) |
|---|---|---|
| Gerste, gebrochen | 5,0 | 45 |
| Mais, gebrochen | 2,0 | 18 |
| Maissilage | 1,5 | 14 |
| Weizenstroh, gehäckselt | 0,5 | 5 |
| Sojaextraktionsschrot | 1,0 | 9 |
| Melasse | 0,3 | 3 |
| Vitamin-Mineral-Premix | 0,20 | 2 |
| Natriumbicarbonat | 0,10 | 0,9 |
| Monensin-Premix | 0,03 | 0,3 |
| GESAMT | ~11,0 kg TM |
NEm: ~2,05 Mcal/kg TM | RP: ~12,5 % | NDF: ~18 % | Kraftfutter: ~80 %
9. Parameter zur Überwachung der Mastleistung
| Parameter | Messmethode | Zielwert | Alarmschwelle | Häufigkeit |
|---|---|---|---|---|
| TZG | Wiegung alle 14-28 Tage | 1,3-1,6 kg/Tag | <1,0 kg/Tag | Alle 2-4 Wochen |
| TM-Aufnahme | Kontrolle am Futtertisch | 2,2-2,8 % des Körpergewichts | Rückgang um mehr als 10 % | Täglich |
| FCR | TM-Aufnahme/TZG | 5,5-7,0 | >8,0 | Monatliche Berechnung |
| Kot-Score | Visuelle Beurteilung (Skala 1-5) | 3,0-3,5 | <2,5 (Durchfall) oder >4,0 (Obstipation) | Tägliche Beobachtung |
| Morbiditätsrate | Anzahl kranker Tiere / Gesamtgruppe | <10 % (Anpassung), <3 % (Hauptmast) | >15 % (Anpassung), >5 % (Hauptmast) | Wöchentlich |
| Mortalitätsrate | Anzahl verendeter Tiere / Gesamtgruppe | <1,5 % (gesamte Mast) | >2,0 % | Kumulativ |
| Leberabszessrate | Rückmeldung vom Schlachthof | <10 % | >20 % | Je Charge |
10. Schlachtzeitpunkt und optimale Mastdauer
Der optimale Schlachtzeitpunkt ist erreicht, wenn Grenzkosten und Grenzerlös übereinstimmen. Mit zunehmender Mastdauer sinken die Tageszunahmen, die FCR verschlechtert sich, und der Fettansatz nimmt zu. Ab diesem Punkt verliert die weitere Mast an Wirtschaftlichkeit (Owens et al., 1995).
| Tierkategorie | Startgewicht | Zielschlachtgewicht | Optimale Mastdauer | Ziel-Schlachtausbeute |
|---|---|---|---|---|
| Männliche Fleischrasse | 250-300 kg | 550-650 kg | 180-240 Tage | 58-62 % |
| Männliche Zweinutzungsrasse | 250-300 kg | 500-600 kg | 200-270 Tage | 54-58 % |
| Männliche Milchrasse (Holstein) | 200-250 kg | 500-550 kg | 270-330 Tage | 50-54 % |
| Färse | 200-250 kg | 400-480 kg | 180-240 Tage | 52-56 % |
Praktische Indikatoren für die Schlachtentscheidung
- Rückenfettdicke: 8-12 mm per Ultraschall bei Fleischrassen, 6-10 mm bei Zweinutzungsrassen
- Ribeye Area (REA): >75 cm² per Ultraschall bei Fleischrassen
- TZG-Trend: Fällt das TZG in den letzten 30 Tagen unter 1,0 kg/Tag, sollte der Schlachtzeitpunkt geprüft werden
- FCR-Trend: Steigt die FCR in den letzten 30 Tagen über 8,0, ist das wirtschaftliche Mastende oft erreicht
- Marktlage: Auch Preisentwicklung für Lebendtiere und Schlachtkörper muss berücksichtigt werden
11. Wassermanagement
Wasser ist einer der am häufigsten unterschätzten, zugleich aber leistungsbestimmenden Nährstoffe in der Rindermast. Wasserrestriktion senkt die TM-Aufnahme und die Tageszunahmen sehr rasch. Nach NASEM (2016) nehmen Masttiere im Alltag häufig das 3- bis 5-Fache ihrer täglichen Trockenmasseaufnahme als Wasser auf.
Zielwerte für die Wasseraufnahme
| Umgebungstemperatur | Wasseraufnahme (L/Tier/Tag) | Hinweis |
|---|---|---|
| <15 °C | 25-35 | Winterbedingungen; Frostgefahr überwachen |
| 15-25 °C | 35-50 | Frühjahr/Herbst; meist ideale Bedingungen |
| 25-35 °C | 50-75 | Sommer; Beginn von Hitzestress |
| >35 °C | 75-100+ | Starker Hitzestress; Tränkekapazität erhöhen |
12. Literatur
- Duff, G. C., & Galyean, M. L. (2007). Board-invited review: Recent advances in management of highly stressed, newly received feedlot cattle. Journal of Animal Science, 85(3), 823-840.
- Duffield, T. F., et al. (2012). Meta-analysis of the effects of monensin in beef cattle on feed efficiency, body weight gain, and dry matter intake. Journal of Animal Science, 90(12), 4583-4592.
- Galyean, M. L., et al. (2011). Board-invited review: Efficiency of converting feed to carcass weight in beef cattle. Journal of Animal Science, 89(12), 4116-4128.
- Klemesrud, M. J., et al. (2000). Metabolizable methionine and lysine requirements of growing cattle. Journal of Animal Science, 78(1), 199-206.
- Nagaraja, T. G., & Chengappa, M. M. (1998). Liver abscesses in feedlot cattle: A review. Journal of Animal Science, 76(1), 287-298.
- Nagaraja, T. G., & Lechtenberg, K. F. (2007). Acidosis in feedlot cattle. Veterinary Clinics of North America: Food Animal Practice, 23(2), 333-350.
- Nagaraja, T. G., & Titgemeyer, E. C. (2007). Ruminal acidosis in beef cattle: The current microbiological and nutritional outlook. Journal of Dairy Science, 90(E. Suppl.), E17-E38.
- NASEM (National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine). (2016). Nutrient Requirements of Beef Cattle (8th rev. ed.). Washington, DC: The National Academies Press.
- NRC (National Research Council). (2000). Nutrient Requirements of Beef Cattle (7th rev. ed., update 2000). Washington, DC: National Academy Press.
- Owens, F. N., et al. (1995). Review of some aspects of growth and development of feedlot cattle. Journal of Animal Science, 73(10), 3152-3172.
- Owens, F. N., et al. (1997). The effect of grain source and grain processing on performance of feedlot cattle: A review. Journal of Animal Science, 75(3), 868-879.
- Owens, F. N., & Gardner, B. A. (2000). A review of the impact of feedlot management and nutrition on carcass measurements of feedlot cattle. Journal of Animal Science, 77(E-Suppl), 1-18.
- Zinn, R. A., et al. (2002). Feeding value of selected cereal grains for feedlot cattle. Journal of Animal Science, 80(10), 2592-2600.