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Dieser Inhalt wurde von Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK auf Basis wissenschaftlicher Quellen erstellt.
Milchvieh

Mastitis und somatische Zellzahl (SCC): Diagnose, Therapie und Kontrollprogramm

Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK 18 Februar 2026 98 Aufrufe

Praxisleitfaden zu Mastitis mit Erregergruppen, SCC-Interpretation, Diagnostik, kulturbasierter Therapie, Trockenstellbehandlung, Melkhygiene und Herdenmonitoring.


Mastitis ist die wirtschaftlich verlustreichste Erkrankung in der Milchviehhaltung. Klinische und subklinische Formen betreffen nahezu jede Herde. Die subklinische Mastitis zeigt sich vor allem durch einen Anstieg der somatischen Zellzahl (SCC) und beeinträchtigt Milchqualität, Leistung und öffentliche Gesundheit direkt. Dieser Beitrag fasst Ätiologie, Interpretation der SCC, Diagnostik, Therapieprotokolle, Trockenstellbehandlung und ein praxisnahes 10-Punkte-Kontrollprogramm auf Grundlage der aktuellen Literatur zusammen.

Wirtschaftliche Bedeutung

Mastitis verursacht weltweit jährliche Verluste von 19,7-32 Milliarden US-Dollar. Ein klinischer Mastitisfall kostet etwa 250-450 US-Dollar, während subklinische Mastitis 100-200 US-Dollar pro Kuh und Jahr kosten kann. Mit jedem Anstieg der SCC um 100.000 Zellen/mL sinkt die Milchleistung um 0,4-0,6 kg/Tag. In der Türkei liegt die durchschnittliche Tankmilch-SCC häufig bei 400.000-600.000 Zellen/mL und damit über der EU-Grenze von 400.000 (Halasa et al., 2007; Seegers et al., 2003).

1. Ätiologie und Klassifikation der Mastitis

1.1 Kontagiöse Erreger

Diese Erreger werden vor allem während des Melkens von Kuh zu Kuh übertragen. Sie verursachen häufig chronische, subklinische Infektionen und führen zu dauerhaft erhöhten SCC-Werten.

Erreger Übertragung Klinisches Profil Einfluss auf die SCC Therapieansprechen
Staphylococcus aureus Melktechnik, Hände Chronisch, subklinisch, Mikroabszesse Sehr hoch (>500.000) Schlecht (20-30% Heilung)
Streptococcus agalactiae Melktechnik Subklinisch, erhöht Tankmilch-SCC Hoch Gut (>90% Heilung)
Mycoplasma bovis Melken, respiratorische Übertragung Mehrere Viertel, therapieresistent Variabel Kein verlässliches Ansprechen
Corynebacterium bovis Melktechnik Leichte subklinische Infektion Mittel Gut

1.2 Umweltkeime

Diese Erreger stammen aus Einstreu, Gülle, Boden und Wasser. Sie sind häufiger mit akuter klinischer Mastitis assoziiert.

Erreger Quelle Klinisches Profil Risikoperiode
E. coli Gülle, Einstreu, Wasser Akut/perakut, Toxämie, Fieber, Schock Späte Trockenstehzeit, frühe Laktation
Klebsiella spp. Sägemehleinstreu, Boden Akut, schwer, hohe Mortalität Alle Phasen
Streptococcus uberis Boden, Einstreu, Weide Subklinisch oder klinisch, häufig in der Trockenstehzeit Trockenstehzeit, frühe Laktation
Streptococcus dysgalactiae Umwelt + kontagiös Akute klinische Mastitis, gutes Therapieansprechen Alle Phasen
Pseudomonas aeruginosa Kontaminiertes Wasser Chronisch, therapieresistent Kontamination des Wassersystems

2. Interpretation der somatischen Zellzahl (SCC)

Die SCC beschreibt die Zahl der Leukozyten, überwiegend Neutrophile, in der Milch und ist der verlässlichste Indikator für die Eutergesundheit. In einem gesunden Viertel liegt die SCC unter 100.000 Zellen/mL (Schukken et al., 2003).

SCC (Zellen/mL) Linearer Score (LS) Status Geschätzter Milchverlust
<100.000 0-2 Gesundes Euter Kein Verlust
100.000-200.000 3 Leichte Reizung oder Heilungsphase 0-3%
200.000-400.000 4-5 Hohe Wahrscheinlichkeit für subklinische Mastitis 3-6%
400.000-800.000 5-6 Subklinische Mastitis (Infektion gesichert) 6-10%
>800.000 7+ Schwere Infektion 10-25%
Zielwerte für Tankmilch-SCC
  • Exzellent: <150.000 Zellen/mL
  • Gut: 150.000-250.000 Zellen/mL
  • Akzeptabel: 250.000-400.000 Zellen/mL
  • Problematisch: >400.000 Zellen/mL (EU-Grenzwert)
  • Türkischer Grenzwert: 500.000 Zellen/mL (Rohmilch)

3. Diagnostische Methoden

Methode Anwendung Sensitivität Einsatzbereich
CMT (California Mastitis Test) Vormelk aus jedem Viertel + CMT-Reagenz vor dem Melken 70-85% Stallnahe Untersuchung, günstig, schnell
SCC (Einzeltier) Monatliche DHI-Milchanalyse 85-95% Erkennung subklinischer Mastitis, Herdenüberwachung
Bakteriologische Kultur Aseptische Milchprobe ins Labor 90-95% Erregeridentifikation und Therapieentscheidung
On-farm-Kultur (Petrifilm, REGA) Einfache Kulturplatten im Betrieb 75-85% Gram +/− Differenzierung und schnelle Therapieentscheidung
PCR DNA-Nachweis aus Milchproben 95%+ Mycoplasma-Nachweis, Typisierung von S. aureus
Elektrische Leitfähigkeit Sensoren im Melksystem 50-70% Automatische Frühwarnung, geringe Spezifität

4. Therapieprotokolle

4.1 Therapie der klinischen Mastitis

Therapieentscheidung: kulturbasierter Ansatz

Die moderne Mastitistherapie empfiehlt „zuerst kultivieren, dann gezielt behandeln“ statt eines pauschalen Therapiebeginns. Mit einer On-farm-Kultur, die Gram-positive und Gram-negative Erreger trennt, lässt sich der unnötige Antibiotikaeinsatz um 40-50% reduzieren. Die meisten Gram-negativen Fälle, insbesondere E. coli, heilen spontan, sodass eine unterstützende Therapie allein (NSAID + häufiges Ausmelken) oft ausreichend ist (Lago et al., 2011).

Erregergruppe Therapie Dauer Heilungsrate
Gram-positiv (Strep, Staph) Intramammäre Antibiotika (Cefoperazon, Amoxicillin-Clavulansäure) 3-5 Tage; verlängert 5-8 Tage bei S. aureus Strep: 80-90%, S. aureus: 20-30%
Gram-negativ (E. coli) NSAID (Flunixin) + häufiges Ausmelken. Systemische Antibiotika nur bei Toxämie 2-3 Tage unterstützend 70-85% (häufig spontane Heilung)
Kulturnegativ Keine antibiotische Therapie oder nur NSAID 80-90% spontane Heilung
Mycoplasma Keine wirksame Therapie — isolieren oder merzen 0%

4.2 Notfalltherapie bei perakuter/toxischer Mastitis

Notfalltherapie: toxische Mastitis (E. coli / Klebsiella)
  • IV-Flüssigkeit: isotone NaCl-Lösung oder Ringer-Laktat, 10-20 L rasch infundieren
  • NSAID: Flunixin meglumine 2,2 mg/kg IV zur Kontrolle der Endotoxämie
  • Häufiges Ausmelken: betroffenes Viertel alle 4-6 Stunden entleeren
  • Systemische Antibiotika: Ceftiofur 2,2 mg/kg IM oder Oxytetracyclin bei entsprechender Indikation
  • Intramammäre Antibiotika: Breitspektrumpräparate wie Cefoperazon
  • Kalzium: Hypokalzämie prüfen, ggf. Calcium-Borogluconat SC
  • Prognose: 70-80% Überleben bei früher Therapie, nur 30-50% bei verspätetem Beginn

5. Trockenstellbehandlung (Dry Cow Therapy)

Die Trockenstellbehandlung kombiniert intramammäre Antibiotika mit einem internen Zitzenversiegler zum Zeitpunkt des Trockenstellens, um bestehende subklinische Infektionen zu behandeln und neue Infektionen in der Trockenstehzeit zu verhindern (Bradley et al., 2015).

Blanket Dry Cow Therapy

Alle Kühe erhalten beim Trockenstellen Antibiotika plus Versiegler.

  • Indikation: Tankmilch-SCC >250.000, hohe Prävalenz von S. aureus oder S. agalactiae
  • Antibiotika: lang wirksame intramammäre Präparate wie Cloxacillin oder Cefalonium
  • Versiegler: auf Bismutsubnitrat-Basis (z. B. Orbeseal®)
  • Vorteil: einfach und deckt alle infizierten Viertel ab
  • Nachteil: unnötiger Antibiotikaeinsatz bei Niedrigrisikokühen
Selektive Trockenstellbehandlung

Nur infizierte Kühe erhalten Antibiotika, alle Kühe bekommen einen Versiegler.

  • Indikation: Tankmilch-SCC <250.000, geringe Prävalenz von S. aureus
  • Kriterium: SCC >200.000 in einer der letzten 3 DHI-Kontrollen oder klinische Mastitis in der Vorgeschichte → Antibiotika + Versiegler
  • Kühe mit niedriger SCC: nur Versiegler
  • Vorteil: 40-60% weniger Antibiotikaeinsatz
  • Nachteil: erfordert sorgfältige Selektion

6. Mastitiskontrollprogramm: 10-Punkte-Plan

NMC 10-Punkte-Mastitiskontrollplan
  1. Ziele definieren: Tankmilch-SCC <200.000 und klinische Mastitisinzidenz <2% pro Monat
  2. Saubere, trockene und komfortable Haltung: Einstreumanagement und Liegeboxenhygiene
  3. Korrekte Melkroutine: Vormelken, Zitzenvorbereitung, rechtzeitiges Ansetzen, Übermelken vermeiden
  4. Melktechnik warten: zweimal jährlich Service, Vakuum (42-44 kPa) und Pulsation kontrollieren
  5. Zitzendippen nach dem Melken: 0,5-1% Iod oder 0,5% Chlorhexidin
  6. Klinische Mastitis behandeln: kulturbasiert, protokolliert, dokumentiert
  7. Trockenstellbehandlung einsetzen: blanket oder selektiv plus Versiegler
  8. Chronisch infizierte Kühe entfernen: chronische S. aureus-Fälle oder Tiere mit 3+ klinischen Episoden
  9. Biosecurity stärken: Zukaufstiere testen und quarantänisieren
  10. Überwachen und dokumentieren: monatliche DHI, Tankmilch-SCC und klinische Fallprotokolle

7. Melkhygieneprotokoll

Schritt Durchführung Dauer Ziel
1. Vormelken 2-3 Strahlen aus jedem Viertel in den Vormelkbecher 10-15 Sek./Kuh Nachweis klinischer Mastitis und Auslösung des Oxytocinreflexes
2. Vordippen Zitzen in Desinfektionsmittel dippen 30 Sek. Kontaktzeit Umwelterreger abtöten
3. Abtrocknen Zitzen mit Einmal-Papier trocknen 10-15 Sek./Kuh Desinfektionsmittelreste und Schmutz entfernen
4. Ansetzen des Melkzeugs 60-90 Sek. nach dem Vormelken Optimales Oxytocin-Zeitfenster nutzen
5. Melken überwachen Übermelken vermeiden, automatische Abnahmegeräte einsetzen 4-7 Min./Kuh Schäden am Strichkanal verhindern
6. Nachdippen Zitzen direkt nach dem Melken dippen Sofort Kontagiöse Erreger abtöten und Zitzenkondition schützen

8. Herdenmonitoring

Parameter Ziel Alarmgrenze Messung
Tankmilch-SCC <200.000 Zellen/mL >400.000 Bei jeder Abholung oder wöchentlich
Klinische Mastitisinzidenz <2% pro Monat (Kuh-Monat-Basis) >4% pro Monat Monatliche Aufzeichnungen
Neuinfektionsrate in der Trockenstehzeit <15% >25% Vergleich von SCC bei Trockenstellen und Abkalbung
Anteil chronisch infizierter Kühe (SCC >400.000 über 3+ Monate) <5% >10% DHI-Daten
Heilungsrate klinischer Mastitis >75% <60% SCC-Kontrolle nach Therapie
Mastitisbedingte Merzung <5% pro Jahr >8% pro Jahr Jahresaufzeichnungen

9. Literatur

  • Bradley, A. J., et al. (2015). An investigation of the efficacy of a polyvalent mastitis vaccine using different vaccination regimens under field conditions in the United Kingdom. Journal of Dairy Science, 98(3), 1706-1720.
  • Halasa, T., et al. (2007). Economic effects of bovine mastitis and mastitis management: A review. Veterinary Quarterly, 29(1), 18-31.
  • Lago, A., et al. (2011). The selective treatment of clinical mastitis based on on-farm culture results: I. Effects on antibiotic use, milk withholding time, and short-term clinical and bacteriological outcomes. Journal of Dairy Science, 94(9), 4441-4456.
  • NMC (National Mastitis Council). (2017). Current Concepts of Bovine Mastitis (5th ed.). Madison, WI: NMC.
  • Schukken, Y. H., et al. (2003). Monitoring udder health and milk quality using somatic cell counts. Veterinary Research, 34(5), 579-596.
  • Seegers, H., et al. (2003). Production effects related to mastitis and mastitis economics in dairy cattle herds. Veterinary Research, 34(5), 475-491.
Tags: Mastitis SHS Somatik Hücre CMT Trockenstehphase Teat Dipping S. aureus E. coli NMC

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