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Dieser Inhalt wurde von Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK auf Basis wissenschaftlicher Quellen erstellt.
Milchvieh

Pansenazidose und SARA: Diagnose und Prävention der subakuten Pansenazidose

Doç. Dr. Mehmet ÇOLAK 18 Februar 2026 128 Aufrufe

Praxisleitfaden zur Pansenazidose und SARA mit Pansen-pH-Physiologie, Diagnosekriterien, akuter Azidose, Rationsgestaltung, Puffern, Kotbewertung und Herdenmonitoring.


Die Pansenazidose ist eine Stoffwechselstörung, bei der der Pansen-pH nach hoher Aufnahme von Kraftfutter unter den physiologischen Bereich absinkt. Die subakute Pansenazidose (SARA) gehört trotz unspezifischer klinischer Zeichen zu den häufigsten und wirtschaftlich folgenreichsten Verdauungsstörungen in Milchvieh- und Mastbetrieben. Typische Folgen sind Milchfettdepression, Laminitis, Leberabszesse und eine unregelmäßige Futteraufnahme. Dieser Beitrag fasst Pathophysiologie, Diagnostik sowie Therapie- und Präventionsstrategien der Pansenazidose anhand der aktuellen Literatur zusammen.

Wirtschaftliche Bedeutung

Die Prävalenz von SARA liegt in Milchviehherden bei 19-26% und in Mastbeständen bei 15-40%. Bei Milchkühen kann SARA das Milchfett um 0,3-0,5 Prozentpunkte und die tägliche Milchleistung um 2-3 kg senken. In der Mast verschlechtern sich ADG um 10-15% und FCR um 10-20%. Die Prävalenz von Leberabszessen kann auf 15-30% steigen. Der jährliche Verlust pro Kuh wird auf 400-800 US-Dollar geschätzt (Plaizier et al., 2008; Nagaraja & Lechtenberg, 2007).

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1. Pansenphysiologie und pH-Regulation

Der normale Pansen-pH schwankt typischerweise zwischen 5,8 und 7,0. Nach der Fütterung sinkt der pH mit zunehmender Bildung flüchtiger Fettsäuren, bevor er durch VFA-Absorption über die Pansenwand und durch Speichelpufferung wieder ansteigt. Wenn dieses dynamische Gleichgewicht gestört wird, entsteht eine Azidose (Krause & Oetzel, 2006).

Faktoren der Pansen-pH-Balance
pH-senkende Faktoren (Säurebildung)
  • Hohe NFC-Aufnahme (Stärke, Zucker)
  • Schnell fermentierbare Getreidearten (Weizen > Gerste > Mais)
  • Fein vermahlenes Getreide
  • Unregelmäßige Fütterung oder „slug feeding“
  • Zu wenig wirksame NDF
pH-erhöhende Faktoren (Pufferung)
  • Speichel (150-200 L/Tag, reich an Bikarbonat)
  • Wiederkäuen → mehr Speichelfluss
  • Wirksame NDF (peNDF) → stimuliert die Wiederkautätigkeit
  • VFA-Absorption über die Pansenpapillen
  • Puffersubstanzen wie NaHCO₃

2. Klassifikation der Azidose

Parameter Normal SARA (subakut) Akute Azidose
Pansen-pH 5,8-7,0 5,0-5,5 (>3 Stunden/Tag) <5,0
Vorherrschende Säure VFA (Acetat, Propionat, Butyrat) VFA + geringe Mengen Milchsäure D-Milchsäure dominiert
Mikrobielle Veränderung im Pansen Gleichgewicht zwischen zellulolytischer und amylolytischer Flora Amylolytische Flora ↑, zellulolytische Flora ↓ S. bovis → Lactobacillus-Dominanz
Klinische Befunde Keine Unspezifisch: schwankende Trockensubstanzaufnahme, weicher Kot, niedrigeres Milchfett Deutlich: Inappetenz, Diarrhoe, Dehydratation, Schock
Mortalität Niedrig (chronische Leistungsdepression) 5-25%, unbehandelt höher

3. SARA: Subakute Pansenazidose

3.1 Diagnosekriterien für SARA

Die Diagnose von SARA ist schwierig, weil die klinischen Zeichen nicht spezifisch sind. Der Goldstandard bleibt die direkte Messung des Pansen-pH, in der Praxis werden jedoch zusätzlich indirekte Herdenindikatoren genutzt (Plaizier et al., 2008).

Direkte Diagnosemethoden
  • Pansenzentese: Entnahme von Pansensaft aus der linken Hungergrube. pH <5,5 spricht für SARA. Goldstandard, aber invasiv
  • Orale Magensonde: Speichelkontamination kann den pH um 0,5-1,0 Einheiten erhöhen → geringe Zuverlässigkeit
  • Indwelling-pH-Bolus: kontinuierliche Messung im Pansen. Vor allem in der Forschung, teuer
  • Kriterium: wenn bei ≥25% der beprobten Kühe der Pansen-pH <5,5 liegt, gilt die Herde als SARA-positiv
Indirekte Herdenindikatoren
  • Milchfett: <3,0% bei Holstein oder Fett:Protein-Verhältnis <1,0
  • Milchfettvariation: >0,4 Prozentpunkte Unterschied zwischen Kühen
  • Kot: weich oder wässrig, schaumig, mit unverdautem Getreide oder Schleim
  • Kot-Siebung: >5% unverdautes Korn (>1 cm)
  • Schwankende TS-Aufnahme: Tagesvariation >5%
  • Laminitis/Lahmheit: Prävalenz >10%

3.2 Systemische Auswirkungen von SARA

Betroffenes System Mechanismus Klinische Folge
Pansenepithel Niedriger pH → Pansenitis, Papillenerosion, gestörte Barrierefunktion Bakterielle Translokation → portale Bakteriämie
Leber Portale Bakteriämie → Leberabszesse (F. necrophorum) Leberabszesse (15-30%), Vena-cava-Syndrom
Klauen Endotoxin + Histamin → laminale Vaskulitis Subklinische Laminitis → Sohlengeschwür, White-Line-Erkrankung
Milchdrüse Gestörte Pansen-Biohydrierung → trans-10 C18:1 ↑ Milchfettdepression, Milchfett <3,0%
Darm Unverdaute Stärke gelangt in den Hinterdarm → Hinterdarmazidose Diarrhoe, Schleim im Kot, Darmentzündung
Systemisch LPS-Absorption → Akute-Phase-Reaktion Subklinische Entzündung und schwankende Futteraufnahme

4. Akute Pansenazidose

Notfall: Akute Pansenazidose

Sie entwickelt sich nach plötzlicher Aufnahme großer Getreidemengen und ist lebensbedrohlich.

Phase Zeit Befunde Therapie
Früh 0-6 Stunden Inappetenz, Unruhe, Pansendistension Orales MgOH oder NaHCO₃ zur Pufferung
Mittelgradig 6-24 Stunden Wässrige Diarrhoe, Dehydratation, Tachykardie, Pansenatonie Pansenspülung + IV-Flüssigkeit + NaHCO₃
Fortgeschritten 24-72 Stunden Festliegen, metabolische Azidose, Nierenversagen, Tod Aggressive IV-Therapie + Rumenotomie

5. Präventionsstrategien

5.1 Rationsgestaltung

Parameter Ziel Milchkuh Ziel Mastbulle Erhöhtes SARA-Risiko
NDF (Minimum) ≥28% der TM ≥12-18% der TM <25% in Milchviehrationen, <10% in Mast
NDF aus Grobfutter ≥19-21% der TM ≥8-10% der TM <17% in Milchviehrationen
peNDF (physikalisch wirksame NDF) ≥21-22% der TM ≥8-10% der TM Sehr fein gehäckseltes Grobfutter
NFC ≤42% der TM ≤55% der TM >45% in Milchvieh-, >60% in Mastrationen
Stärke ≤28% der TM ≤45% der TM >32% in Milchvieh-, >50% in Mastrationen

5.2 Fütterungsmanagement

Fütterungsregeln zur SARA-Prävention
  • TMR (Total Mixed Ration): alle Komponenten homogen mischen, um Selektieren zu verhindern
  • Fütterungshäufigkeit: mindestens zweimal täglich frische TMR, ideal 3-4-mal
  • Futteranschieben: 6-8-mal pro Tag, um den Zugang zu verbessern
  • Fressplatz: ≥60 cm pro Kuh, bei Frischabkalbern ≥76 cm
  • Partikelgröße: mit dem Penn-State-Separator kontrollieren; oberes Sieb 2-8%, mittleres Sieb 30-50%
  • Schrittweise Rationsumstellung: jede Änderung über 7-10 Tage anpassen
  • Leere Futtertischzeit: unter 2 Stunden/Tag, Ziel ist ein nahezu kontinuierlicher Futterzugang

5.3 Puffersubstanzen und Additive

Additiv Dosis Wirkmechanismus Evidenz
Natriumbicarbonat (NaHCO₃) 0,75-1,0% der TM (150-200 g/Tag) Direkte Pufferung im Pansen Stark — am häufigsten eingesetzt und am besten belegt
Magnesiumoxid (MgO) 0,2-0,3% der TM (40-60 g/Tag) Pufferung + Magnesiumquelle Stark — häufig kombiniert mit NaHCO₃
Lebendhefe (S. cerevisiae) 1-5 × 10⁹ KBE/Tag Stimuliert laktatverwertende Bakterien und stabilisiert den pH Stark — besonders in Umstellungsphasen nützlich
Monensin 200-300 mg/Tier/Tag Hemmt laktatbildende Bakterien und erhöht Propionat Stark — in der Mast weit verbreitet
Kaliumcarbonat 0,5-1,0% der TM Pufferung + Kaliumquelle Mittel

6. Kotbeurteilung: Ein praktisches Diagnoseinstrument

Kot-Score Beschreibung Interpretation
1 Sehr wässrig, spritzend Akute Azidose, Infektion oder übermäßiges Protein
2 Wässrig, flach verlaufend Hohe SARA-Wahrscheinlichkeit, unzureichende Faser
3 Haufenförmig, 3-5 cm hoch, leichte Vertiefung in der Mitte Ideal — ausgewogene Ration
4 Dick, klebrig, stark aufgehäuft Zu viel Faser oder zu wenig Protein
5 Feste Klumpen Dehydratation oder sehr niedrige TS-Aufnahme
Kot-Siebetest

Sieben Sie Kot mit einem Küchensieb von 2 mm Maschenweite. Wenn unverdautes Getreide, Maispartikel oder lange Faserstücke, die im Sieb verbleiben, mehr als 5% ausmachen, kann die Kornaufbereitung unzureichend sein oder die Pansendurchflussrate zu hoch liegen. Schaumiger, grauglänzender Kot und sichtbarer Schleim sprechen zusätzlich für eine Hinterdarmazidose.

7. Herdenmonitoring

Parameter Ziel SARA-Alarm Messung
Milchfett (Herdenmittel) ≥3,5% (Holstein) <3,0% oder Abfall >0,3 Prozentpunkte Monatliche DHI- oder Milchkontrolle
Fett:Protein-Verhältnis <1,0 <10% der Einzelkühe >15% Monatliche DHI
Kot-Score 3,0-3,5 im Herdenmittel <2,5 Wöchentliche Beobachtung von 20+ Kühen
Wiederkauzeit >450 Min./Tag <400 Min./Tag Wiederkausensor oder Beobachtung
Variation der TS-Aufnahme <5% zwischen Tagen >8% Tägliche Futtertischkontrolle
Lahmheitsprävalenz <10% >15% Monatliches Locomotion Scoring
Leberabszesse (Mast) <10% >20% Rückmeldung vom Schlachthof

8. Literatur

  • Krause, K. M., & Oetzel, G. R. (2006). Understanding and preventing subacute ruminal acidosis in dairy herds: A review. Animal Feed Science and Technology, 126(3-4), 215-236.
  • Nagaraja, T. G., & Lechtenberg, K. F. (2007). Acidosis in feedlot cattle. Veterinary Clinics of North America: Food Animal Practice, 23(2), 333-350.
  • Plaizier, J. C., et al. (2008). Subacute ruminal acidosis in dairy cows: The physiological causes, incidence and consequences. The Veterinary Journal, 176(1), 21-31.
  • Zebeli, Q., et al. (2012). Modeling the adequacy of dietary fiber in dairy cows based on the responses of ruminal pH and milk fat production to composition of the diet. Journal of Dairy Science, 95(4), 1986-2001.
Tags: SARA Pansenazidose Subakut pH Milchfett Laminitis Karaciğer Absesi NDF Tampon

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